WATTENSCHEID – 38 Jahre hat es gedauert, bis das Radio von 50 Millionen Menschen genutzt wurde. Schon nur noch 13 Jahre brauchte das Fernsehen, bis die gleiche Zahl erreicht war. Und jetzt wird es rasant: Innerhalb von drei Jahren brachte das Smartphone das gleiche Kunststück fertig. Das soziale Netzwerk Facebook schließlich sprengt den Statistik-Rahmen: in neun Monaten (!) gewann es mehr als 100 Millionen (!) Anwender.
Anhand dieser Zahlen machte Pfarrer Bernd Tiggemann von der Internetarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen deutlich, wie groß die Bedeutung ist, die die sozialen Netzwerke innerhalb von kürzester Zeit erreicht haben. Er war auf Einladung von Superintendent Rüdiger Höcker in die Pfarrkonferenz des Kirchenkreises Gelsenkirchen und Wattenscheid nach Wattenscheid-Leithe gekommen, um einen Einblick in die Chancen und die Risiken von Facebook & Co zu geben.
Tiggemann selbst konnte gute Erfahrungen damit machen. „Ich hatte bei Facebook Kontakt zu einigen ehemaligen Konfirmanden. Die habe ich zu einer ‚hölzernen Konfirmation‘ nach fünf Jahren eingeladen. Die haben das an die anderen weiter gegeben – und die Kirche war proppevoll, obwohl die Ankündigung in keiner Zeitung gestanden hatte.“ Hier stecken also jede Menge Möglichkeiten, das Gemeindeleben zu bereichern und Einladungen ganz unkompliziert direkt zu den Zielgruppen zu bringen.
Auch mit dem Vorurteil, nur Teenager tummelten sich in den Sozialen Netzwerken, räumte Tiggemann auf. „Bei Facebook wächst derzeit am stärksten die Zahl der Frauen über 55 Jahre.“
Eine der Kernthesen des Internet-Pfarrers lautet: „Die Potentiale von Facebook lassen sich am erfolgreichsten auf der Ebene einer Kirchengemeinde nutzen!“ Denn dort geht es um persönliche Beziehungen und hier entfaltet Facebook seine Stärken. „Institutionelle Kommunikation funktioniert nur sehr bedingt“, heißt die Kehrseite dieser Medaille.
Die Frage, ob er den Einstieg in die Sozialen Netzwerke empfehle, antwortete Tiggemann mit einem klaren „Ja“ und nannte fünf Aspekte, die dafür sprechen: Hier könne Kirche missionarisch wirken, habe einen hohen „ROI“ (return on investment = viele Reaktionen für wenig Aufwand), es seien große Reichweiten zu erzielen, auch kirchenferne Menschen würden angesprochen und gerade junge Menschen könnten anders fast gar nicht erreicht werden.
Auch die Risiken von Facebook & Co kamen zur Sprache. Neben der Daten(un)sicherheit und der mühsamen Kontrolle der Einstellungen, um seine Privatsphäre zu schützen, ist für Kirchenleute vielleicht am schwierigsten der „Verlust der Bedeutungshoheit“ zu verkraften. „Sie müssen damit leben, dass Sie öffentlich kommentiert und kritisiert werden.“


