Zwischen Leerstand und Verantwortung – Die Kirche sucht den Anschluss

Gelsenkirchen, 20.06.2026 | Es war ein Moment der Selbstvergewisserung – und zugleich ein vorsichtiger Aufbruch. Bei der „Ruhrkonferenz mittendrin“, die sich thematisch mit der Manifesta Ruhr und damit dem Umgang mit leerstehenden Kirchengebäuden im urbanen Raum widmete, rückte am Ende unerwartet eine Perspektive in den Mittelpunkt, die zuvor kaum eine Rolle gespielt hatte: die der Kirche.

Präses Dr. Adelheid Ruck-Schröder wurde im Anschluss der Podiumsdiskussion von Interessierten umringt.

Superintendent Heiner Montanus im anschließenden Gespräch.

Auf dem Podium in der beeindruckenden Heilig-Kreuz-Kirche in Gelsenkirchen-Ückendorf saßen Vertreterinnen und Vertreter der Manifesta Ruhr 26 zusammen mit Gästen aus Architektur, Hochschule und internationalem Kunstbetrieb. Sie zeichneten ein Bild wachsender Herausforderungen für die Städte im Strukturwandel. Präsentiert wurden unter anderem Beispiele, wie leerstehende Kirchengebäude neu gedacht und genutzt werden können. Besonders eindrücklich fiel dabei der Blick in die Niederlande aus, wo man sich seit Jahren auf höchster politischer Ebene offensiv mit der Umnutzung von Kirchengebäuden beschäftigt. Dort gehören kreative und oft auch mutige Lösungen längst zum Repertoire kommunaler und kultureller Politik.

In Deutschland hingegen, so wurde zwischen den Beiträgen deutlich, verläuft dieser Prozess vielerorts zögerlicher. Das lag an diesem Nachmittag nicht zuletzt daran, dass eine wichtige Perspektive fehlte: die institutionalisierte Stimme der Kirchen selbst. Zwar waren die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen Adelheid Ruck-Schröder sowie der Superintendent des Kirchenkreises Gelsenkirchen und Wattenscheid Heiner Montanus unter den Zuhörenden – auf dem Podium aber war keine kirchliche Vertretung vorgesehen.

Es war schließlich die Präses selbst, die diesen Umstand in der offenen Fragerunde am Ende der Veranstaltung zur Sprache brachte. Ihr Einwurf wirkte weniger wie ein Vorwurf als vielmehr wie eine Selbstkritik. Sie räumte ein, dass es auch ein Versäumnis der Kirche gewesen sei, bislang nicht entschlossener den Kontakt zu politischen, institutionellen und kulturellen Akteuren gesucht zu haben – gerade angesichts der wachsenden Zahl leerstehender Kirchengebäude in Städten, die ohnehin mit erheblichen finanziellen und sozialen Herausforderungen kämpfen.

Die Worte kamen zur rechten Zeit. Denn sie trafen auf ein Publikum, das die Dringlichkeit der Frage bereits erkannt hatte, aber bislang ohne die entscheidende Partnerin auskommen musste. Die Präses beließ es nicht bei der Analyse. Sie bot unmittelbar an, Gespräche aufzunehmen und den Austausch zu intensivieren. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik sowie aus den lokalen Hochschulen griffen dieses Angebot noch vor Ort auf.

Was folgte, war kein großer Beschluss, sondern eher ein leiser Anfang. Und doch lag in diesem Moment eine spürbare Verschiebung: von einer eher distanzierten Betrachtung hin zu einem möglichen gemeinsamen Handeln. Die Kirchen, so schien es, könnten künftig nicht nur als Eigentümerinnen problematischer Leerstände auftreten, sondern als aktive Mitgestalterinnen neuer Nutzungen – sozial, kulturell und städtebaulich.

Dass dieser Perspektivwechsel notwendig ist, steht außer Frage. Kirchengebäude sind mehr als nur Immobilien. Sie sind identitätsstiftende Orte, oft zentral in den Quartieren gelegen, architektonisch prägend und emotional aufgeladen. Ihr Leerstand hinterlässt nicht nur bauliche Lücken, sondern auch soziale. Gleichzeitig fehlen vielerorts die finanziellen Mittel, um diese Räume zu erhalten oder in eigener Regie neu zu beleben.

Gerade hier könnten Kooperationen ansetzen – mit Kommunen, mit kulturellen Initiativen, mit Hochschulen. Der Blick in die Niederlande zeigt, dass solche Partnerschaften tragfähig sein können, wenn sie frühzeitig und strategisch angegangen werden. Voraussetzung ist allerdings die Bereitschaft aller Beteiligten, ihre Rollen neu zu definieren.

Die Präses hat an diesem Nachmittag zumindest signalisiert, dass die Kirche bereit ist, sich auf diesen Prozess einzulassen. Nach der Veranstaltung reiste sie weiter zur offiziellen Eröffnung der Manifesta Ruhr im Ehrenhof der Zeche Zollverein – einem Ort, der selbst für gelungenen Strukturwandel steht. Vielleicht war es kein Zufall, dass sich die beiden Themen an diesem Tag berührten: die Transformation alter Räume und die Suche nach neuen Formen von Gemeinschaft.

Ob aus dem begonnenen Dialog mehr wird, lässt sich noch nicht sagen. Doch der erste Schritt ist getan – und er kam von einer Seite, die lange gezögert hatte, ihn zu gehen.
 

Text und Photos: Jutta Pfeiffer