Vielfarbig und verstörend schön: 177. Emporenkonzert zwischen Walzer und Wahnsinn

Gelsenkirchen– Die „175“ schwebte in goldenen Luftballons vor der Orgel auf der Empore. Dieses besondere Jubiläum liegt zwar schon zwei Monate zurück, doch die immer noch prall gefüllten Ballons leuchteten auch beim 177. Emporenkonzert in der Nicolai-Kirche.

Auch dieses mal lauschten zahlreiche Besucher*innen auf der Empore.

Philipp Kaufmann, seit kurzem Stadtorganist in Ulm, hat für dieses Konzert ein abwechslungsreiches Programm entwickelt.

„Nach langer Zeit gibt es heute mal wieder ein reines Orgelkonzert“, freut sich Kreiskantor Andreas Fröhling (l.).

Zwischen Walzer und Wahnsinn – Musik am Rand der Alten Welt, so der Titel dieses Konzerts. „Nach langer Zeit gibt es heute mal wieder ein reines Orgelkonzert“, freut sich Kreiskantor Andreas Fröhling zur Begrüßung. Obwohl, so ganz ohne ist auch dieses Konzert nicht. Zwischen den einzelnen Musikstücken trug Fröhling Auszüge aus dem Buch „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ von Florian Illies vor.

Philipp Kaufmann, seit kurzem Stadtorganist in Ulm, hat für dieses Konzert ein abwechslungsreiches Programm entwickelt. Ein recht vielfarbiges, das, so Kaufmann, vom Registranten, der ihn beim Orgelspiel unterstützt, sehr viel abverlangt. „Leider hat die Orgel hier in der Nicolai-Kirche keine elektronische Registrierung. Deshalb bin ich sehr froh, einen so zuverlässigen Registranten wie Andreas Fröhling an meiner Seite zu haben!“

Kaufmann begann das Konzert mit Max Regers I. Improvisation aus „Zweite Sonate d-Moll“. „Das ist Regers wohl strengstes Werk und das, obwohl es Improvisation heißt“, gab er den Zuhörenden als Erklärung dazu. Der volle Orgelklang zu Beginn des Konzerts.

Und Andreas Fröhling hatte gut zu tun, zog die Register der Orgel hochkonzentriert. Um dann rasch ans Lesepult zu eilen und zwischen den Musikstücken Auszüge aus Florian Illies‘ „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ vorzutragen.

Etwa aus dem Briefwechsel zwischen Franz Kafka und Felice Bauer. „Felice Bauer, fünfundzwanzig, etwas blond, etwas knochig, etwas schlaksig, Stenotypistin in der Carl Lindström A.G.“ Kafka und Felice schreiben sich Briefe, nachts, wenn ihre Familien schlafen, „Hochtemperierte, zauberhafte, seltsame, verstörende Briefe“. So wie der Silvesterbrief, den Kafka an seine Liebe in Berlin schreibt. „Ob sie ihn wohl, so fragt er aus dem Nichts, mit dem Schirm kräftig schlagen würde, wenn er einfach im Bett liegen bliebe, wenn sie sich für ein Treffen in Frankfurt am Main verabredet hätten, um nach einer Ausstellung ins Theater zu gehen.“ Kafka selbst ist ob dieser Gewaltphantasien recht erschrocken: „Aber was läuft mir denn da alles durch den Kopf?“ Seine Erklärung: „Das macht die 13 in der neuen Jahreszahl.“

Wahnsinn und Walzer, das Thema des Konzerts. Alle Komponisten dieses Abends stammen in etwa aus der gleichen Zeit. Beim„Valse mignonne“ von Sigfrid Karg-Elert tänzeln sogar die Luftballons im leichten Luftzug vor der Orgel. Philipp Kaufmann ist die Spielfreude anzumerken, die Begeisterung für die Musik von Reger, Ravel, Schönberg, Karg-Elert und Debussy überträgt sich auch aufs Publikum.

Musik am Rand der Alten Welt, das noch Verharren im Alten, schon ahnend, dass sich die Welt neu organisiert. Ach, lieber noch einen Walzer, etwas Tänzelndes. Philipp Kaufmann beendet das Konzert mit Claude Debussys Danse (Tarantelle styrienne). Debussy pur, zum Abschluss des Emporenkonzerts zwischen Walzer und Wahnsinn. 

Textautorin: Frauke Haardt-Radzik

Fotos: Cornelia Fischer