In den langsam verhallenden Glockenklang setzte Kreiskantor Andreas Fröhling zu Beginn ganz leise eine kurze musikalische Einleitung an der Orgel. Das Publikum wurde so in eine besondere Stimmung mit hineingezogen.
Anders als sonst saßen die Zuhörerinnen und Zuhörer ausschließlich unten im Kirchraum, nicht auf der Orgelempore. Sie wurden so zu Akusmatikern, sahen also nicht die Musiker:innen und deren Instrumente, sondern nahmen die Musik ausschließlich übers Gehör wahr. Dafür waren Lautsprecher so in der Kirche verteilt positioniert, dass das Publikum mittendrin quasi auch Teil des Geschehens wurde.
„Es ist wie eine Sinfonie mit mehreren Sätzen durchkomponiert“, so Fröhling zum Aufbau dieses Konzerts. Auf die musikalische Einleitung folgte Johann Sebastian Bachs Arie „Blute nur, du liebes Herz“ aus der Matthäuspassion. Sina Jackas klare Sopranstimme fügte sich gut ein, wie eine Art Predigt innerhalb des Konzerts.
Die folgende Improvisation für Orgel und Live-Elektronik griff das Melodische aus der Arie auf, wurde dann aber zunehmend dröhnender. Dies leitete über zu Bachs Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ für Sopran und Orgel.
Die Lichtstimmung in der Nicolai – Kirche war eher dunkel, Kerzen spendeten ein wenig Licht. Jodie Salter, die auch das Plakat zu diesem Konzert entworfen hat, sorgte mit einzelnen farbigen Lichttupfern, blaue neben dem Kreuz, orange verteilt im Kirchraum, zusammen mit der Musik für ein sehr dichtes, stimmiges Erlebnis.
Dann folgte als Uraufführung das Stück „Tosende Stille“, komponiert von Nicholas Reimann als akusmatische Komposition. Beginnend mit Impulsen, die wie Schüsse klangen und im weiteren Verlauf in eine pulsierende Klangfläche umgewandelt wurden. Inmitten des Programms wirkte dies wie eine Szene aus dem Karfreitagsgeschehen.
Das Abspielgerät war ein „Granularsampler“, welches auch bei den Improvisationen im Einsatz war; es nahm live über Mikrofone in der Orgel während des Orgelspiels den Orgelklang auf. Dieser wurde dabei in winzige Teilchen (Granulat) zerlegt und ergab so ganz neue, zusätzliche Klänge.
„Unglaublich beeindruckend, ergreifend, alle Emotionen auslösend“, fasste ein Besucher zusammen. „Sehr mutig, diese Zusammenarbeit und Zusammenstellung so zum Karfreitag zu präsentieren“, ergänzte eine Zuhörerin.
Auf die „Tosende Stille“ folgte Johann Sebastian Bachs Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“. Sina Jackas Sopran erklang dabei für das Publikum unsichtbar solistisch von der Emporenseite aus. Gefolgt von einem reinen Orgelstück, der „Vaterunser-Sonate“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, als einziges reines Orgelstück in diesem Karfreitagskonzert.
Nach einer weiteren Sopran-Arie und einer Improvisation für Orgel und Live-Elektronik mit Andreas Fröhling an der Orgel und Nicholas Reimann am Sampler, welche in ein Bach-Nachspiel mündete, endete das Konzert wie es begann, mit einminütigem Glockengeläut.
Das Publikum dankte mit langanhaltendem, begeistertem Applaus, viele neugierige Besucher ließen sich im Anschluss den Granularsampler und die Orgel ausführlich erklären.
„Ein stimmiger Mix aus „alt“ und „neu“, hat mir richtig gut gefallen“, fasste ein Besucher für wohl viele Zuhörende nach dem Konzert zusammen.
Text: Frauke Haardt-Radzik
Fotos: Cornelia Fischer




