"So einen Enthusiasmus erleben wir nicht alle Tage!" Knastkulturgottesdienste in der JVA Gelsenkirchen

Gelsenkirchen - „Die Clowns waren mega süß, und bei den Bläsern sind mir Tränchen geflossen – so gerührt war ich von der Musik“, sagt eine Gefangene nach dem Gottesdienst im Rahmen der Knastkulturwoche. „SinnVOLL ZUGehört!“ lautete das Motto der diesjährigen kulturellen Aktionswoche. Alle zwei Jahre sind die 36 Justizvollzugsanstalten (JVA) in Nordrhein-Westfalen (NRW) aufge-rufen, kreative, musikalische oder literarische Veranstaltungen für Gefangene anzubieten.

Das Team der Knastkulturgottesdienste in der Männerkirche (stehend v.l.): Organist Artur Brychcy, Roland Sturm, Elena Walpurgis, Heidi Herzog, Jürgen Schlöhlein, Susanne Schart; vorne: die Clowninnen Annabell (Almuth Conrad) und Caroline Klapproth (Dr. Birgit Seyberlich).

Das Quartett der „Lukas Horns“ im Einsatz (v.l.): Heidi Herzog (Trompete), Elena Walpurgis (Trompete), Leiter Jürgen Schlöhlein (Posaune) und Roland Sturm (Posaune).

Ein Trio mit und ohne rote(r) Nase (v.l.): Clownin Annabell, Gefängnispfarrerin Susanne Schart und Clownin Caroline Klapproth.

„Das ist eine richtig gute Idee, Kultur in den Knast zu bringen“, erklärt eine Inhaftierte. „Denn das ist eine gelungene Abwechslung zum öden Knastalltag.“
Auch die Seelsorge der JVA Gelsenkirchen beteiligte sich an dieser Reihe und feierte mit den Frauen und Männer in U- und Strafhaft zwei besondere Knastkulturgottesdienste mit musikalischen und clownesken Gästen.

Mitglieder des Posaunenchores „Lukas Horns“ der Ev. Kirchengemeinde Gelsenkirchen-Nord gestalteten zusammen mit dem Organisten Artur Brychcy die beiden Gottesdienste musikalisch.

„Wir waren über die Anfrage, in der JVA in zwei Gottesdiensten zu spielen, sehr überrascht, aber auch sehr erfreut und haben sofort zugesagt“, erzählt Jürgen Schlöhlein, Leiter des Blechbläserensembles. Mit Heidi Herzog, Roland Sturm und Elena Walpurgis war das Quartett komplett und brachte die Gemeinde in Schwung und Stimmung; aber die „Lukas Horns“ ließen auch leise, besinnliche Töne erklingen.

„Wir waren total gespannt, wie es laufen wird in dieser uns fremden Welt und welche Reaktionen die Gefangenen auf unsere Stückauswahl zeigen“, erklärt Schlöhlein, der seit 22 Jahren das 14-köpfige Ensemble leitet. Bereits nach dem Vorspiel waren alle Bedenken verschwunden, denn die Frauen und Männer ließen sich vom Rhythmus mitreißen und klatschten begeistert mit.

Neben den „Lukas Horns“, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feierten, gab es noch zwei weitere Gäste in den JVA-Gottesdiensten: die beiden Clowninnen Caroline Klapproth und Annabell. Hinter diesem Clownsduo verbergen sich die Chemikerin Dr. Birgit Seyberlich und Gemeindepfarrerin Almuth Conrad. Beide haben eine Fortbildung zur Clownerie in Kirche und Gemeinde absolviert und entwickeln regelmäßig Stücke zu verschiedenen Themen.

Spielerisch beschäftigten sich die beiden Clowninnen mit dem Motto „SinnVOLL ZUGehört!“ und der Frage: „Wie können wir miteinander leben und uns sinnvoll verständigen?“

„Clownin sein heißt Neugierde, Staunen und Leichtigkeit in den Alltag bringen“, erklärt Birgit Seyberlich, und Almuth Conrad betont: „Wir sollten nicht alles nur ernst nehmen, sondern mehr lachen.“ Und gelacht wurde viel in den Knastkulturgottesdiensten, denn Annabell und Caroline Klapproth spielten Fangen im Altarraum, stritten und versöhnten sich wieder, sangen und tanzten miteinander. Gemeinsam mit Gefängnispfarrerin Susanne Schart predigten sie so über die Heilung eines Taubstummen und segneten die Gemeinde mit Kusshand.

Mit Leichtigkeit und Humor verzauberten sie die Inhaftierten und schufen eine besondere Atmosphäre. „Der Gottesdienst hat Freude in die Herzen gebracht; das war schon irgendwie magisch“, sagt eine Gefangene sichtlich gerührt. Und eine Mitinhaftierte ergänzt: „Es war richtig krass, und die Thematik passte voll zur eigenen Lebenswelt.“

Auch für Annabell und Caroline Klapproth, die zum ersten Mal hinter Mauern auftraten, war es ein außergewöhnliches Erlebnis. „Es war eine große Freude, bei den Gefangenen zu sein, die so wach und lebendig waren“, erzählen sie. „Es war auch für uns etwas ganz Besonderes, diese Emotionen in der Gemeinde zu spüren.“

Am Ende bedankten sich rund 100 Gefangene mit tosendem Applaus, der selbst die erfahrenen Musiker stark beeindruckte. „Reaktionen einer Gemeinde mit diesem Enthusiasmus erleben wir auch nicht jeden Tag“, resümiert Schlöhlein erstaunt und verspricht: „Wir kommen gerne wieder!“ Auch die Clowninnensind beeindruckt: „Wir haben uns sehr über diesen Applaus gefreut; es war wunderbar und herzerwärmend!“

Text: Susanne Schart

Fotos: JVA Gelsenkirchen