Auslöser für die Zusammenkunft sind die Vorfälle vom vergangenen Wochenende. An einer Moschee, am Musiktheater sowie an rund einem Dutzend Häuserwänden und Bushaltestellen wurden rechtsextreme Symbole und Parolen entdeckt. Nach Angaben der Ermittlungsbehörden wurden unter anderem sogenannte „White Power“-Zeichen sowie der Zahlencode „1161“ angebracht. Beide gelten als Kennzeichen rechtsextremer Ideologien. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen.
Besonders betroffen war die Tugra-Moschee der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG)an der Kesselstraße. Dort tauchte außerdem ein islamfeindlicher Schriftzug auf. Aufgrund der ähnlichen Symboliken gehen die Ermittler davon aus, dass die Taten möglicherweise auf dieselben Täter zurückzuführen sind. Zwar werden immer wieder vereinzelt rechtsextreme Zeichen im Stadtgebiet festgestellt, die hohe Anzahl der Vorfälle innerhalb eines Wochenendes wird jedoch als ungewöhnlich bewertet. Vor diesem Hintergrund fand die Solidaritätsveranstaltung vor der Moschee statt.
Enes Bülük vom Tugra-Moschee-Vorstand begann mit einer Rede, in der er die Schmierereien einordnete als einen Angriff gegen die freie Religionsausübung und gegen Religionen allgemein. Bürgermeister Werner Wöll verwies ebenfalls auf Artikel 3 des Grundgesetzes und zitierte zustimmend aus der IGMG-Stellungnahme: „Unsere Antwort auf Hass ist Zusammenhalt, unsere Antwort auf Ausgrenzung ist Begegnung, unsere Antwort auf Einschüchterung ist Eintreten für Freiheit und Frieden.“
Extra aus Köln war Muhammed Çatmak vom DITIB-Bundesvorstand angereist, um – wie viele Musliminnen und Muslimen aus anderen Verbänden, die gekommen waren – seine Solidarität zu bekunden.
Superintendent Heiner Montanus brachte es in seiner Rede deutlich auf den Punkt: „Dieses Haus ist auch unser Haus. Wer eine Moschee angreift, greift auch damit auch andere Gotteshäuser an.“
Stadtdechant Markus Pottbäcker von der katholischen Kirche machte deutlich, dass alle Religionen eine gemeinsame Wurzel haben, aus der heraus sie ihr Leben gestalten – gemeinsam und solidarisch.
„Wir kennen das Gefühlt der Angst“, sagte Igor Kuznecov, der die Jüdische Gemeinde vertrat. Er betonte, dass das Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen eine Stärke sei.
Serdar Yilmaz von der IGMG-Moschee in Hassel schließlich zitierte in seiner Rede den Koran „Oh ihr Menschen“, heißt es in Sure 49,13, „wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt.“ und betonte, dass hier alle Menschen aufgefordert seien, ihr Leben im solidarischen Miteinander zu gestalten.
Die Veranstaltung, an der Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik, aus der Stadtgesellschaft und von allen Religionsgemeinschaften teilnahmen, sendet eine klare Botschaft: Gelsenkirchen steht für Vielfalt, Respekt und ein friedliches Miteinander. Gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit und Rechtsextremismus wollen die Beteiligten geschlossen eintreten.
Text: Jutta Pfeiffer
Fotos Cornelia Fischer
Die Rede des Superintendenten Heiner Montanus:
Sehr geehrte Damen und Herren,
da stehen wir wieder zusammen.
Letzte Woche noch vor der Synagoge. Damals aus Anlass des Antikriegstages.
Heute hier vor der Tuğra Moschee1. Weil irgendwer am Sonntag die Fassade besudelt hat. Mit vier Zahlen, 1161, dem numerischen Code3 gegen die Antifa. Dazu das Kürzel für White Power. Und dann noch den Schriftzug „FCK Islam“ 4. Einfach an die Hauswand geschmiert.
Dann ist er weitergezogen zum Haus des Evangelischen Gebetsvereins2. Und hat weitergeschmiert. Wieder die vier Zahlen. Wieder White Power. Und noch mal „FCK Islam“.
Was für eine Sauerei! Und jetzt könnte ich über das Niveau des Sprayers und seine niederen Beweggründe spekulieren. Ich könnte gegen ihn Position beziehen. Und alles mit guten Gründen.
Aber stattdessen möchte ich etwas lobend hervorheben.
Denn der Sprayer hat offenbar in allem Unwissen eines verstanden und umgesetzt:
Wenn ich die Moschee beschmiere, dann beschmiere ich auch das Haus, in dem Christinnen und Christen zusammenkommen.
Ohne es zu wollen, hat er markiert: Diese beiden Häuser, diese zwei Glaubensrichtungen gehören zusammen. Die sind nicht zu trennen. Auch nicht durch ein Fuck Islam.
Islam und Kirche haben zwar je eigene Häuser. Aber die Gemeindeglieder leben und glauben miteinander unter ein und demselben Dach:
Wir sind Beterinnen und Beter. Wir glauben und beten unter dem Dach gegenseitiger Toleranz und wechselseitigen Wohlwollens. Wir glauben unterschiedlich. Aber wir sind verbunden in dem Wissen, dass Religion Freiheit braucht. Religionsfreiheit. Und die ist ein Menschenrecht. Nicht einzuschränken auf eine bestimmte religiöse Überzeugung.
Es stimmt: Man kann Religionsfreiheit und Menschenrechte besudeln. Aber man kann sie nicht wegwischen.
Und: Religionsfreiheit und Menschenrechte sind bei uns, die wir hier miteinander stehen, nicht nur Fassade. Sie gehören bei uns zur Bausubstanz.
Darum stehen auch wir Evangelischen heute hier vor der Moschee. Auch wenn die Schmierereien am Haus des Gebetsvereins bereits nicht mehr zu lesen sind.
Wir stehen hier, weil ihr besudelt worden seid. Und weil das immer auch uns betrifft.
Es stimmt: Wenn die Moschee beschmiert wird, dann wird immer auch das Haus, in dem Christinnen und Christen beten, besudelt. Selbst wenn man es nicht an der Fassade sieht.
1 IGMG Tuğra Moschee und Kulturzentrum; Kesselstraße 25-27, Gelsenkirchen
2 Ev. Gebetsverein zu Gelsenkirchen-Bulmke e.V., Auf dem Bettau 6, Gelsenkirchen
3 1161 = AAFA = „Anti-Anti-Fascist Action“, politischer Code gegen die linksextreme Antifa
4 „FCK Islam“= fuck Islam



