Gott ist verschwunden

Laut aktueller EKD-Studie sind junge Menschen glücklich ohne Gott. Wir haben Berufsschulpfarrer Dirk Bültmann nach seinen Erfahrungen mit jungen Erwachsenen gefragt

Pfarrer Dirk Bültmann bewegt sich an der Basis: Er unterrichtet das Fach Religion am Berufskolleg Königstraße und kennt als Berufsschulpfarrer die Lebens- und Glaubenswelt junger Menschen. FOTO: CORNELIA FISCHER

Pfarrer Dirk Bültmann bewegt sich an der Basis: Er unterrichtet das Fach Religion am Berufskolleg Königstraße und kennt als Berufsschulpfarrer die Lebens- und Glaubenswelt junger Menschen. FOTO: CORNELIA FISCHER

GELSENKIRCHEN – „Junge Erwachsene im Alter von 19 bis 27 Jahren stellen rund zehn Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland. Sie sind zwar mehrheitlich noch Mitglied einer Religionsgemeinschaft, stufen sich selbst aber nur noch zu einem Fünftel als religiös ein“, heißt es in der aktuellen Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD. Sie geht der Lebens- und Glaubenswelt junger Menschen auf den Grund: Was treibt sie um? Wo fühlen sich junge Erwachsene eingebunden? Welche Werte sind Ihnen wichtig und welche Einstellung zum Glauben und zur Kirche haben sie? „Es ist eine – vielleicht die erste – wirklich postchristliche Generation. Gott ist weitesgehend verschwunden“, resümieren die Autoren der Studie und stellen fest: „Kirche muss sehen, dass die Gruppe der jungen Erwachsenen eigentlich so gut wie nichts mehr von ihr erwartet“.

Lebenswelt besteht aus dem ICH, der Familie und Freunden

Individualisierung, Empowerment, Mobilität und Digitalisierung – das sind die großen gesellschaftlichen Trends, deren Auswirkungen sich in den Angaben der Befragten wiederspiegeln. Selbstbestimmtheit ist dabei ein Stichwort, dass sich wie ein roter Faden durch die Studienergebnisse zieht: Junge Erwachsenen sehen sich in hohem Maße für ihr Leben selbst verantwortlich, wollen selbst über das, was sie glauben, entscheiden. Sie wissen, sie „haben die Zügel selbst in der Hand“, wenn es darum geht, was aus ihnen werden und wie ihr Leben verlaufen soll. Das ICH, so die Autoren der Studie, stehe im Mittelpunkt und die Lebenswelt sei sehr eng gestrickt. Die Aussagen der Befragten lassen ein „Wir-Gefühl“ und einen über den engen Kreis der Familie und Freundschaften hinaus reichenden Gemeinschaftssinn vermissen. Mit dem ICH im Zentrum ihrer Lebenswelt und dem Bewusstsein für eigenverantwortliches Handeln bedarf es keiner kirchlichen Institution. Kurz und knapp: Von ihr erwarten und suchen sie keine Unterstützung, auch wenn sie die Tatsache zu schätzen wissen, dass sie da ist, fall sie später einmal gebraucht werde. Sie haben Wünsche an die Gesellschaft und sehnen sich nach mehr Toleranz und Zusammenhalt. Um diese Ziele zu erreichen, sehen sie sich stark selbstverantwortlich und trauen sich viel zu, erkennen jedoch nicht, dass Parteien, Organisationen oder Institution Kirche dabei helfen könnten. Glaube spielt für die meisten nur eine untergeordnete Rolle, Religion ist nicht greifbar genug und Kirche bietet ihnen zu wenig Anknüpfungspunkte. Würden junge Erwachsenen der „Kirche“ eine Schulnote geben, bekäme sie eine Drei: Nicht gut, aber auch nicht schlecht.

Soziale Werte stehen ganz oben

Und was treibt junge Erwachsene im Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid um? Pfarrer Dirk Bültmann bewegt sich am Berufskolleg Königstraße täglich an der „Basis“: Er unterrichtet das Fach Religion und tauscht sich mit seinen Schülern im Alter von 16 bis 25 Jahren nicht nur über religiöse Themen aus. „Ich sehe keinen Punkt, der mich sehr überrascht“, so Bültmann über die Ergebnisse der EKD-Studie. Er habe ein ganz ähnliches Bild von seinen Schülern, denen er im Rahmen der Themen Werte, Normen und Ethik auf den Zahn fühlt. „Angelehnt an die große Shell-Jugendstudie von 2015 bitte ich meine Schüler anhand eines Rasters in sieben Stufen einzuschätzen, wie wichtig ihnen welche Werte sind. Ganz oben stehen soziale Werte wie Familie und Freundschaft. Außerdem weit oben steht die Selbstbestimmtheit. ‚Sich politisch engagieren‘ und ‚an Gott glauben‘ findet man ganz weit unten.“ Letzterer Punkt treffe allerding nicht auf muslimisch geprägte Schüler zu. „Bei ihnen ist es anders. Der Anteil der Schüler, für die der Glaube einen höheren Stellenwert einnimmt, ist unter den Muslimen höher.“ Diese Beobachtung spiegelt sich auch in der EKD-Studie wieder. An seinen Schülern bemerke Bültmann aber eine große Offenheit gegenüber religiösen Themen. „Auch die muslimischen Schüler nehmen am Religionsunterricht teil, das ist eine schöne Sache, vor allem weil sie alternativ an einem anderen Fach teilnehmen könnten. Von allen Schülern kommen Fragen, die zeigen: Sie sind interessiert. Eine Frage, die mir häufig gestellt wird, ist zum Beispiel die nach dem Unterschied zwischen evangelischer und katholischer Religion. Aber wenn es um die Bedeutung von Glaube für ihr eigenes Leben geht, stelle ich stelle fest, dass viele eher im agnostischen Bereich angesiedelt sind. Ihre Grundhaltung ist: ‚Ich brauche das nicht und ich habe meine Kreise, in denen ich mich bewege‘. Gemeinschaft finden sie also nicht mehr in der Kirchengemeinde, sondern im näheren Umfeld, bei der Familie und Freunden, die werden sehr hoch geschätzt!“

Glaube als eine Art Rückversicherung

Der hohe Stellenwert von Selbstbestimmung und Eigenverantwortung junger Menschen ist ein Aspekt, der auch ihm in seinem Berufsschulalltag begegnet, den er aber vorsichtig interpretieren möchte: „Eigene Entscheidungen zu treffen, wird unter meinen Schülern ganz groß geschrieben. Aber es ist zu hinterfragen, inwiefern sie das wirklich können. Sie wollen eigene Wege gehen, aber Konformität ist etwas, das ihren Alltag ausmacht. Man will nicht tun, was andere tun, macht es aber doch. Und wenn nach ihrer eigenen Meinung gefragt wird, kommt ganz häufig die Antwort: ‚Das muss jeder selbst wissen‘ und sie machen sich keine eigenen Gedanken über ethische Fragen. An dieser Stelle wirkt die Selbstbestimmtheit eher vorgeschoben.“ Die Studie stellt heraus, dass der Glaube eine individuelle, innere Angelegenheit ist und losgelöst von Kirche und Religion gesehen wird. Nach der Kindheit gibt es nur noch wenige Ankerpunkte. Trotz Schöner Erlebnisse und Erinnerungen, zum Beispiel an die Konfirmandenzeit, bleiben nur Begegnungen mit Kirche über klassische Rituale wie Weihnachten oder kirchliche Trauungen. Dabei zeigen die Befragten einen pragmatischen Zugang zum Glauben: Auch wenn sie selbst nicht glaubten, sehen sie, dass ein starker Glaube für andere hilfreich sein kann: Er hilft, gibt Halt und ist eine Art Rückversicherung.
„Wenn man mit Jugendlichen im Gespräch ist, muss man ihre Aussagen wie: ‚Ich sehe kritisch, was Kirche sagt‘ ernst nehmen“, sagt Bültmann und fordert eine selbstkritische Haltung religiöser Institutionen: „Wie müsste Kirche sich äußern, dass junge Menschen sich angesprochen fühlen? Wie treten wir den jungen Menschen gegenüber? Wichtig ist, dass man sich selbst hinterfragt und nicht nur mit dem Finger auf die Jugend zeigt.“

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