Zahlreiche Gemeindeglieder, Familien mit Kindern, Jugendliche und Wegbegleiter waren am 31. Mai um 11 Uhr gekommen, um Abschied zu nehmen. Auch über die Gemeinde hinaus hatte sich herumgesprochen, dass hier ein besonderer Ort seine ursprüngliche Bestimmung verliert: Selbst prominente Besucher wie Mike Büskens, der ehemaliger Spieler des FC Schalke 04 fanden den Weg in die Kirche. Der Bläserchor begleitete den Gottesdienst und verlieh ihm einen würdigen, aber zurückhaltenden Klangrahmen.
Ein Abschied auf Raten
Der endgültige Abschied kam nicht überraschend. Bereits vor rund einem Jahr hatte das Presbyterium der Evangelischen Christus-Kirchengemeinde Buer entschieden, die Thomaskirche aufzugeben – eine Folge sinkender Mitgliederzahlen und angespannter finanzieller Lage. Seitdem erlebten die Gläubigen ein Jahr der „letzten Male“: der letzte Weihnachtsgottesdienst, der letzte Silvestergottesdienst, nun die Entwidmung.
Viele hatten sich innerlich bereits verabschiedet – und doch wurde in diesem letzten Gottesdienst spürbar, was die Thomaskirche für den Stadtteil bedeutete: ein Ort der Gemeinschaft, der Erinnerungen, der gelebten Nachbarschaft. Für das Berger Feld war sie weit mehr als ein Gebäude. Sogar ein Relief an einer nahegelegenen Sparkasse hält die markante Silhouette der Kirche fest – als Zeichen der Hoffnung, die von hier ausging.
Architektur als Ausdruck von Gemeinschaft
Diese besondere Ausstrahlung hat auch mit der Architektur zu tun. Die Thomaskirche, 1964/65 errichtet nach Plänen von Albrecht Egon Wittig und Fred Janowski, war stets mehr als nur ein funktionales Gotteshaus. Ihr auf die Spitze gedrehter, nahezu quadratischer Grundriss und die schiffsbugartige Form gaben ihr eine unverwechselbare Präsenz im Straßenraum.
Im Inneren zeigte sich ein bewusst schlicht gehaltener Raum: ein heller, fast asketischer Kirchsaal, ausgerichtet auf einen einfachen Altar, um den sich die Gemeinde versammelte. Das Dach spannte sich wie ein Zelt über den Raum – ein starkes Symbol für die Kirche als „Wohnung für die Gemeinde“, nicht mehr als triumphierendes Bauwerk. Ein stilisiertes Kreuzrelief an der Rückwand, gestaltet von Heinz Nickel, trat je nach Lichteinfall in Erscheinung und verlieh dem Raum eine besondere Tiefe. Diese Konzentration auf das Wesentliche machte die Thomaskirche zu einem der bemerkenswerten Beispiele des evangelischen Kirchenbaus der 1960er Jahre – reduziert, klar, gemeinschaftsorientiert.
Zweifel und Aufbruch
Im Zentrum des letzten Gottesdienstes stand die Predigt von Pfarrer Peter Spelsberg, die sich dem Apostel Thomas widmete – dem Zweifler. Thomas, so Spelsberg, sei ein Suchender gewesen, einer, der Antworten brauchte und sich nicht mit einfachen Gewissheiten zufriedengab. Ein Bild, das viele in der Gemeinde wiedererkannten. Auch sie stehen an einem Punkt des Übergangs, ohne alle Antworten zu haben. „Wir sind wie eine Familie auf der Suche“, klang es sinngemäß aus der Predigt – eine Gemeinschaft, die Abschied nimmt und zugleich nach vorne blickt.
Ein letzter Gang – und ein Zeichen für die Zukunft
Besonders eindrücklich wurde dieser Übergang in einem feierlichen Moment: Liturgische Gegenstände – das Altarkreuz, die Osterkerze und weitere Geräte – wurden aus der Kirche getragen. Ziel: der benachbarte Thomaskindergarten, der bestehen bleibt. Dieser symbolische Weg markiert Kontinuität im Wandel. Was die Kirche geprägt hat, bleibt in der Gemeinde lebendig – nur an einem anderen Ort. Weitere Gegenstände werden archiviert und bewahren die Erinnerung an das kirchliche Leben in diesem Raum. Auch die Jugend hat bereits einen neuen Platz gefunden: Im Gemeindezentrum an der Dreifaltigkeitskirche sind neue Räume entstanden, in denen das Gemeindeleben weitergeht.
Neue Nutzung – neuer Blick
Für das Gebäude selbst beginnt nun ein neues Kapitel. Ein Investor wird die denkmalgeschützte Kirche künftig nutzen, unter anderem als Standort für ein Unternehmen. Zuvor wird die Thomaskirche jedoch noch einmal zum kulturellen Treffpunkt: Als Teil des internationalen Kunst- und Kulturfestivals „Manifesta“ rückt sie in den Fokus einer europäischen Öffentlichkeit.
Zwischen Trauer und Zuversicht
Am Ende des Gottesdienstes blieb kein großer Empfang, kein festlicher Ausklang. Die Gemeinde ging leise auseinander – so, wie es dem Anlass entsprach. Es war ein Abschied, der weh tat. Aber keiner ohne Hoffnung. Denn was diese Kirche über Jahrzehnte getragen hat – Gemeinschaft, Glaube, Zusammenhalt – ist nicht an Mauern gebunden. Es lebt weiter: in neuen Räumen, in vertrauten Beziehungen, im Kindergarten nebenan, in der Erinnerung. Oder, wie es an diesem Vormittag spürbar wurde: Die Thomaskirche ist mehr als ein Gebäude. Und genau deshalb ist ihr Abschied kein Ende.
Text: Jutta Pfeiffer
Fotos. Holger Dirks und Cornelia Fischer



