Erfolgsgeschichten aus Albanien und der Türkei

Der Kirchenkreis fördert zugewanderte Frauen

Aytin Tekin berät jetzt als pädagogische Fachkraft Hilfesuchende in der Beratungsstelle der Caritas in Gelsenkirchen. In Corona-Zeiten findet die Beratung am offenen Fenster statt. FOTO: FRAUKE HAARDT-RADZIK

Aytin Tekin berät jetzt als pädagogische Fachkraft Hilfesuchende in der Beratungsstelle der Caritas in Gelsenkirchen. In Corona-Zeiten findet die Beratung am offenen Fenster statt. FOTO: FRAUKE HAARDT-RADZIK

Claudia Quirrenbach, Antje Röckemann und Katrin Oelbracht (v.l.) beraten im MIRA-Projekt Frauen mit Migrationshintergrund. FOTO: CORNELIA FISCHER

Claudia Quirrenbach, Antje Röckemann und Katrin Oelbracht (v.l.) beraten im MIRA-Projekt Frauen mit Migrationshintergrund. FOTO: CORNELIA FISCHER

GELSENKIRCHEN – „Natürlich bin ich stolz, dass ich das geschafft habe! Das ist meine Chance, jetzt ist meine Zeit und ich möchte das für mich tun.“ Jutbina Musaj kam allein mit ihren drei Kindern aus Albanien nach Gelsenkirchen. In der alten Heimat lebte sie mit ihren Eltern und sieben Geschwistern in einem kleinen Dorf und ging nur wenige Jahre zur Schule. Angekommen in Gelsenkirchen, gab es zunächst keine Möglichkeit für sie, einen Integrationskurs zu besuchen und deutsch zu lernen. Doch irgendwann nahm sie eine Bekannte mit zur offenen Beratungsstelle des MIRA-Projekts der evangelischen Kirche. Welche Fähigkeiten bringt sie mit, welche Chancen auf eine passende Arbeitsstelle könnten sich hier für sie bieten? Gemeinsam wurden Berufsperspektiven ausgelotet, Deutschkurse vermittelt – und für die Kinder der alleinerziehenden Mutter wurde während der Schulungszeiten für Betreuung gesorgt.


Berufswunsch: Altenpflegerin

Jutbina Musaj ist immer noch glücklich über die Chancen, die sich ihr dank MIRA auftaten. Ein Praktikum in einem Altenheim öffnete ihr dann den Weg in die Zukunft: „Da entstand mein Wunsch, Altenpflegerin zu werden. Hier in Deutschland sind viele alte Menschen allein ohne Kinder, die sie betreuen können.“ Doch zunächst stand da noch die Hürde eines Schulabschlusses im Weg. Ermutigt durch die Unterstützung der MIRA-Beraterinnen wuchs die heute 36-Jährige über sich hinaus, besuchte eine Abendschule und hat vor kurzem ihren Hauptschulabschluss geschafft. Jetzt startet sie eine Ausbildung zur Altenpflegehelferin. Und wenn´s gut läuft, möchte sie weitermachen und Altenpflegerin werden.


Selbständigkeit und Selbstbewusstsein

Auch Ayten Tekin kam vor Jahren als junge Frau aus der Türkei ins Ruhrgebiet. In Izmir hatte die 22-jährige eine Ausbildung zur Grundschullehrerin begonnen. Dann folgte sie ihrem Mann nach Deutschland. Doch hier verstand sie die Sprache nicht, sie bekam zwei Kinder, als diese noch klein waren, blieb sie mit ihnen zuhause. Irgendwann machte die Mutter einer Freundin ihrer ältesten Tochter sie auf das Programm „Train and win“, einem Vorläuferprojekt von MIRA aufmerksam. „Das hat mir Selbständigkeit und Selbstbewusstsein in Deutschland vermittelt“, sagt Ayten Tekin rückblickend. Mit viel Energie hat sie sich auf den Weg gemacht und sich auch von immer neuen Steinen, die sich ihr dabei in den Weg legten, nicht entmutigen lassen. Nach manchem hin und her arbeitet sie heute als pädagogische Fachkraft bei der Caritas Gelsenkirchen. Dort berät sie Menschen, die jetzt in einer ähnlichen Situation sind, wie sie damals war - und ist dankbar für all die Unterstützung, die sie hier erfahren hat.


Suchet der Stadt Bestes

„Dem Kirchenkreis ist Geschlechtergerechtigkeit und (Chancen-) Gerechtigkeit ein zentrales Anliegen. Und natürlich der interkulturelle und interreligiöse Dialog. Darum ist es nur folgerichtig, dass zugewanderte Frauen, die besonders von Erwerbslosigkeit betroffen sind, in den Blick kamen“, stellt Pfarrerin Antje Röckemann die Intention des Kirchenkreises heraus. „Mit diesem Engagement für Migrantinnen, und gerade auch für gut qualifizierte Migrantinnen, hat unser Kirchenkreis ein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt meines Wissens keine andere kirchliche oder diakonische Einrichtung in Westfalen, die sich so lange und so professionell für diese Zielgruppe engagiert“, blickt die Leiterin des Gender-Referates stolz auf die bisher geleistete Arbeit zurück. „In der Geschichte des Kirchenkreises Gelsenkirchen und Wattenscheid ging es immer schon darum, nicht nur die eigenen Mitglieder in den Blick zu nehmen, sondern alle Mitglieder der Stadtgesellschaft. Suchet der Stadt Bestes - dieses Wort des Propheten Jeremia steht dafür.“


Expertinnen ihres eigenen Lebens

Die Kursteilnehmerinnen erfahren dabei mitunter zum allerersten Mal Respekt und Wertschätzung. In der offenen Sprechstunde und der weiteren Beratung wird nach Ressourcen (Mehrsprachigkeit, Kenntnis mehrerer Kulturen, Leistungen als Mütter von oft mehreren Kindern, zurechtfinden in fremder Umwelt …) gefragt. Die Mitarbeiterinnen interessieren sich für die Geschichte der Frauen, ihr Leben bevor sie zum „Flüchtling“ oder zur „Migrantin“ wurden. Die Teilnehmerinnen werden als Expertinnen ihres eigenen Lebens betrachtet – und, das ist Röckemann und den Mitarbeiterinnen dieses Projekts sehr wichtig: „Wir begegnen ihnen auf Augenhöhe, von Mensch zu Mensch.“

Die teilnehmenden Frauen erleben Gemeinschaft und üben interreligiösen Dialog ein. Und tragen all diese Erfahrungen mit der evangelischen Kirche in ihre Familien und Communities. Dabei gehen die Teilnehmerinnen, je nach individueller Situation, ganz unterschiedliche Wege. Die Eine hat in ihrer Heimat nur vier Jahre lang eine Schule besucht, die Andere hat bereits als Akademikerin gearbeitet und steht nun nach ihrer Flucht in Deutschland beruflich vor dem Nichts.


Raus aus der Abhängigkeit von Hartz 4

Seit 16 Jahren engagiert sich der Evangelische Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid dafür, die Chancengerechtigkeit zugewanderter Frauen mit Kindern zu erhöhen. „1,7 Millionen Euro wurden dafür bisher für den Kirchenkreis eingeworben. Wir waren mit die ersten, die diese Frauen in den Blick genommen haben“, stellt Pfarrerin Röckemann stolz fest. Das vom Bundesfamilienministerium und dem Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union geförderte Projekt will so Mütter mit Migrationshintergrund ermutigen, ihnen neue Berufsperspektiven aufzeigen und sie so stark machen für den Beruf. Mehr als 2.150 Teilnehmerinnen wurden dabei schon erreicht. Für viele von ihnen hieß und heißt das: Raus aus der Depression, erste oder nächste Schritte aus der Abhängigkeit von Hartz4/SGB II hinein in eine bessere berufliche und gesellschaftliche Zukunft – und für die Gesellschaft bedeutet es die Chance, auch hier ihr Bestes zu finden.

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