"Der Friedhof lebt"

Biodiversität-Führung vom NABU Bochum und mit Sofia Zeisig auf dem Ev. Friedhof Wattenscheid

Sofia Zeisig (l.) gab den Besucher*innen am insektenfreundlich gestalteten Urnengarten Tipps zur ökologischen Gestaltung von Ruhestätten.

Lavendel als Grabbepflanzung – sieht schön aus, duftet herrlich und ist bei vielerlei Insekten beliebt.

Der umstrittene Sommerflieder lockt viele Schmetterlinge,wie dieses Tagpfauenauge, auf den Friedhof. Hier können sie Energie zum Fliegen wieder auftanken

Wenn man von der Westenfelder Straße in Wattenscheid auf den Ev. Friedhof einbiegt, fallen einem zunächst zwei Dinge auf: Bunte Blüten überall und eine herrliche Ruhe. Hört man aber genauer hin, merkt man: ganz leise summt und brummt es neben der Trauerhalle des Ev. Friedhofs. 

Mit seinen über 72.000m² Fläche ist der seit 1894 bestehende Friedhof Ort der Trauer und Erinnerns aber auch Ort der Hoffnung und Lebensraum für viele verschiedene Tier-, Pilz- und Pflanzenarten. Um den Friedhof als Lebensraum geht es auch in der von der NABU Bochum organisierten Veranstaltung, vertreten durch Birgit Debus mit der Biodiversitäts-Studentin Sofia T. Zeisig. Mit einer Lesung aus dem Buch „Der Friedhof lebt“ von Sigrid Tinz werden die knapp 20 interessierten Teilnehmer*innen auf die Führung über den Friedhof eingestimmt. Das Buch blickt auf den ökologischen Wert und die Schönheit der Vielfalt der Friedhöfe: Sie sind spirituelle Orte aber auch Park, Museum und bunte Inseln in den Städten, wo sie klimatische und ökologische Funktionen haben. Nachts sind sie einige der wenigen wirklich dunklen Orte mit geringerer Lichtverschmutzung. Die Ruhe, die viele Besucher*innen der Friedhöfe wertschätzen, ist daher auch für Tiere und Pflanzen aller Art wichtig. 

Nach der Lesung in der Johanneshalle ging es dann über den Friedhof. Der neu angelegte Urnengarten wurde unter besonderen ökologischen Aspekten bepflanzt. Vom Friedhof selbst gestaltet, schmücken hier verschiedene insektenfreundliche Pflanzenarten, besonders viele Stauden aber auch optisch schöne Gräser die Ruhestätten – an der sich neben den Besucher*innen der Führung viele Wildbienen, Hummeln und Schwebfliegen tummelten. Sie finden hier ausreichend Nahrung und die offenen Erdstellen zwischen den tollen Blüten sind Nistorte, „denn 2/3 der Wildbienen nisten im Boden, und in und auf der Steinmauer fühlen sich auch andere Tiere wohl“.

Neben dem oft jahrzehntealten Baumbestand ist vor allem die Bepflanzung der Grabstätten Teil des ‚Ökosystems Friedhof‘. Diese ist natürlich Privatsache, aber „die Mischung machts“, so Biologin Sofia Zeisig. „Schottergräber ohne Bepflanzung können auch Sonnenplätze für Eidechsen oder Gliedertiere wie Spinnen sein, auf der anderen Seite benötigt es aber insektenfreundlich bepflanzte Gräber für ein großes Nahrungsangebot und z.B. kleine Schalen mit Wasser und Kieselsteinen als Insektentränken“.

Aber wie kann ökologische Grabgestaltung aussehen? Am Urnenfeld bekommen die Teilnehmer:innen eine weitere kurze Lesung aus dem Buch von Sigrid Tinz, und damit auch Pflege und Pflanztipps für insekten- und naturfreundliche Grabgestaltung. Auch beim Rundgang über den Friedhof fällt auf: nicht alle Pflanzen werden von Bienen, Hummeln und anderen Insekten gemocht. Während es an manchen Stellen summt und brummt, werden andere Grabstellen kaum beflogen.

Manche Stellen des Friedhofes werden bewusst ‚wild‘ gelassen. „Wir sind sehr daran interessiert, hier alles so insekten- und naturfreundlich wie möglich zu gestalten“, kommentiert Friedhofsleiter Holger Sense die Führung. Daher untersagt die Friedhofssatzung zum Beispiel den Einsatz von Pestiziden und kontrolliert dies auch. Leere Grabflächen werden mit Lavendel bepflanzt und Sommerblumen, Klee und andere regionale Blumenwiesenarten eingestreut. An einer Weggabelung steht ein 8 Meter hoher Stamm ohne Blätter- die Überreste einer alten Buche. Die sähe erstmal nicht besonders schön aus, gibt Sofia Zeisig zu, aber „stehendes Totholz bietet über Jahre hinweg zahlreichen Insekten und anderen Tieren wie Fledermäusen und Vögeln aber auch selten gewordenen Pilzen Nährstoffe, Nistgelegenheiten oder Lebensraum und ist daher sehr wertvoll und in Städten sehr selten“.

„Ein wenig Wildnis muss man tatsächlich dulden“, so Holger Sense. „Das sieht eventuell ungepflegter aus, hat aber hohen Wert für das Ökosystem“. Für die wilden Stellen auf dem Friedhof gäbe es eine hohe Akzeptanz der Angehörigen und Besucher*innen - auch dank der Flyer und verschiedener Informationsschilder gibt es nur wenige Beschwerden über die Maßnahmen. So gibt es zwischen den akkurat bepflanzten Gräbern auch Flächen mit Wildblumen wie Disteln und Brennnesseln, die zahlreichen Faltern Nahrung für deren Raupen bieten. Viele Arten der Falter und Bienen sind spezialisiert auf nur wenige oder sogar nur eine Pflanzenart. So gibt es z.B. die Glockenblumenscherenbiene oder den Johanniskrautbär, der auch als BVB-Raupe bekannt ist.

So trägt auch der Ev. Friedhof in Wattenscheid dazu bei, die Biodiversität aufrecht zu erhalten oder sogar zu erhöhen. „Je höher die Biodiversität, desto stabiler das Ökosystem“, informiert Sofia Zeisig die Besucher*innen und fragt: „Wussten Sie, dass jedes zweite Lebewesen auf diesem Planeten ein Insekt ist? Leider schrumpfen aber die Populationen von bis zu 90% aller Tierarten in einer sehr alarmierenden Geschwindigkeit“. Aufgrund einer kleinen Untersuchung weiß Holger Sense, dass es es allein auf dem Wattenscheider Friedhof über 50 Nachtfalterarten gibt - darunter auch seltene und bedrohte. 

Für den Einsatz für das Ökosystem wird der Ev. Friedhof in Wattenscheid nun ausgezeichnet. Am 29.07.2022 wird ihm vom NABU Bochum die Plakette „Schmetterlingsfreundlicher Friedhof“ verliehen. Der Friedhof hat einige raupenfreundliche Bäume wie den relativ unbekannten aber wertvollen Faulbaum gepflanzt, denn „Raupenfutterpflanzen sind noch viel wichtiger als nur Nektarspendende“, erklären die Experten.

Damit der Friedhof noch vielfältiger und ökologischer gestaltet wird, freut man sich über interessierte Ehrenamtliche, die den Friedhof unterstützen möchten. Die Biodiversitätsexpertin freut sich, wenn nun Einige die Blumenwahl bedachter treffen,  - und die Pflanzen bevorzugen, die schon beim Kauf von vielen Tieren angeflogen werden,-  auch mal „Unkraut“ geduldet wird oder über den Winter Halme stehen gelassen werden, in denen Tiere überwintern. In Zukunft möchte Sofia Zeisig auch Workshops für Friedhöfe geben. Sie sagt: „Wir sind im 6. Massenaussterben und wir müssen mehr tun und fordern, die Zeit drängt, aber vielen ist das egal oder sie wissen es nicht, aber wir können es schaffen“

Weitere Informationen:

Friedhof : Evangelische Kirchengemeinde Wattenscheid (e-ki-wa.de)

Ev. Friedhof Wattenscheid – Ort der Hoffnung (ort-der-hoffnung.de)

NABU Bochum - Naturschutzbund Deutschland - Stadtverband Bochum e. V. (nabu-bochum.de)

Text und Fotos: Katrin Oelbracht

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