Interview mit Liana Weismüller, Vorständin für Personal und Nachhaltigkeit bei EGLV anlässlich der Kanzelrede „Wasser: Quelle des Lebens – Gabe, Aufgabe, Verantwortung“ am 1. Advent 2025

Gelsenkirchen/Wattenscheid - Im Rahmen des Eröffnungsgottesdienstes der diesjährigen „Brot für die Welt“ – Spendenaktion in Westfalen hielt Liana Weismüller, Vorständin für Personal und Nachhaltigkeit bei der Emschergenossenschaft und Lippeverband, kurz EGLV, eine vielbeachtete Kanzelrede. „Wasser: Quelle des Lebens – Gabe, Aufgabe, Verantwortung“ so der Titel des Vortrags, gehalten am 1. Advent in der evangelischen Kirche in Bochum-Höntrop.

Kleines Projekt mit großer Wirkung. In Sambia unterstützt die Emschergenossenschaft und Lippeverband den Bau dieses Wasserkiosks. Von links: Eberhard Holtmeier (Betriebsmanager Mittlere Emscher/Emschergenossenschaft), Michaela Karolina Braun (Betriebsleiterin Östliche Emscher/Emschergenossenschaft), Prof. Dr. Frank Obenaus (Vorstand für Wassermanagement und Technik/ Emschergenossenschaft und Lippeverband), Dr. Randolf Coburg (Geschäftsführer Emscher Wassertechnik/Lippe Wassertechnik). (Foto: EGLV)

Liana Weismüller hielt die Kanzelrede. Foto: Cornelia Fischer

Wie Liana Weismüller diese Verantwortung versteht, wie sie sich bei ihrer ersten Rede in einem Gotteshaus gefühlt hat, was sie an nachhaltigen Projekten unterstützen will, darüber gab sie Frauke Haardt-Radzik im Interview Aus- und Einblicke.

Frau Weismüller, dies war Ihr erster Auftritt in einer Kirche, wie haben Sie sich dabei in dieser ungewohnten Umgebung gefühlt?

Es war eine besondere und auch sehr bewegende Situation. Eine Kanzel ist kein klassischer Ort für eine Personalvorständin. In meiner beruflichen Funktion bin ich es zwar gewohnt zu repräsentieren und stellvertretend für Institutionen zu sprechen. In der Kirche, auf der Kanzel am 1. Advent, spürt man jedoch noch etwas deutlicher, welche Verantwortung man trägt – und für wen man in diesem Moment spricht.

Ich habe dann die Kirche schnell als einen Raum erlebt, der fühlt, der zuhört, der öffnet und verbindet. Ich habe mich wohlgefühlt und getragen – von der Offenheit der Gemeinde, von der gemeinsamen Aufmerksamkeit für die Themen Advent und Wasser und von dem Gefühl, dass wir dort über etwas sprechen, das uns alle betrifft. Das hat mir Sicherheit gegeben und am Ende vor allem große Dankbarkeit.

Sie sagen: „Für mich ist der Advent wie ein Atemzug Gottes, der uns durch das ganze Jahr trägt.“ Wie religiös empfinden Sie sich selbst? Sind Sie in einem religiös geprägten Elternhaus groß geworden? Oder bewegt Sie eher die ethische Verantwortung für die Erde, das Zusammenleben aller Menschen?

Für mich gehört beides zusammen. Ich bin nicht klassisch religiös sozialisiert worden. Ich bin in Siebenbürgen in einer Zeit aufgewachsen, in der religiöse Praxis durch ideologisch geprägte politische Rahmenbedingungen stark eingeschränkt war. Gleichzeitig war meine Familie stets geprägt vom Glauben und den Traditionen des Zusammenlebens zweier christlicher Konfessionen – mit ihren tiefen Gemeinsamkeiten und mit großem Respekt für ihre Unterschiede. Meine Großmutter hat großen Wert daraufgelegt, dass wir Kinder christliche Werte kennenlernen und leben – ohne sie gegen Wissenschaft, kritisches Denken oder ethische Verantwortung auszuspielen. Das hat mich sehr geprägt.

Heute verstehe ich Glauben weniger als Institution oder Ritual, sondern vor allem als Haltung: Dankbarkeit, Zuversicht, Hoffnung, Beständigkeit – aber auch demütig Verantwortung zu übernehmen, den Menschen zu sehen, Gemeinschaft zu stärken und Zukunft zu ermöglichen.

Der Advent ist für mich deshalb kein Dogma, sondern ein zeitlos wichtiger Moment des Innehaltens, der Orientierung und der Hoffnung – ein Licht, von dem wir starten und dem wir im Grunde das ganze Jahr entgegengehen, als Einzelne und als Gemeinschaft.

Sie sagen: „Ich erlebe es als Personalvorständin jeden Tag: In den Gesichtern der Kolleginnen und Kollegen, die sich trotz aller Herausforderungen einsetzen, damit Wasser geschützt wird. Sie sind auch Vorständin für Nachhaltigkeit. Welche Aspekte sind Ihnen persönlich dabei wichtig?

Nachhaltigkeit ist für mich nur dann glaubwürdig, wenn sie ganzheitlich gedacht wird. Die ökologische, ökonomische und soziale Dimension gehören untrennbar zusammen. Als Vorständin für Personal und Nachhaltigkeit liegt mein persönlicher Schwerpunkt besonders auf der sozialen Säule: auf guten Arbeitsbedingungen, Qualifikation, Gesundheit, Vielfalt, Mitbestimmung und der Sinnhaftigkeit von Arbeit.

Die Emschergenossenschaft und Lippeverband machen sich als Unternehmen für Nachhaltigkeit stark. Die Ärmsten der Erde müssen für die reichen Staaten die Folgen von Klimawandel und Wasserknappheit tragen. Gibt es konkrete Projekte, die von den Verbänden in diesen Regionen unterstützt, gefördert, begleitet werden?

Ja, die gibt es. Neben unseren Aufgaben in der Emscher-Lippe-Region engagieren wir uns auch international – sowohl in Georgien, im Kosovo und in der Ukraine, als auch auf dem afrikanischen Kontinent in Namibia und Sambia. Dort unterstützen wir seit einigen Jahren Projekte, die den Zugang zu sauberem Wasser verbessern, lokale Kompetenzen stärken und nachhaltige Strukturen aufbauen. Dabei geht es uns nicht um kurzfristige Hilfe, sondern um Hilfe zur Selbsthilfe: Wasserinfrastruktur, Wissenstransfer, Ausbildung und langfristige Partnerschaften. Uns ist wichtig, Verantwortung dort wahrzunehmen, wo unsere fachliche Expertise tatsächlich einen Unterschied machen kann.

Ein kleines Beispiel mit großer Wirkung unmittelbar vor Ort ist die Eröffnung eines neuen Wasserkiosks Ende November in Chisamba (Sambia), das zirka 1.300 Menschen mit sauberem Wasser versorgen kann. Das ist nur ein Teil unseres umfassenden Engagements zur Verbesserung der Wasser- und Sanitärversorgung in Sambia, das wir im Rahmen einer Betreiberpartnerschaft als Emschergenossenschaft u.a. mit Gelsenwasser und der Lukanga Water Supply and Sanitation Company in Sambia im Rahmen eines Betreiberpartnerschaftsprogramms des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) seit vielen Jahren unterstützen.

Sie sagen: „Wasser erinnert uns daran, wie verwoben wir sind – mit Gott und miteinander“. Gibt es konkrete Projekte, die Ihnen unter den Aspekten Glauben / Hoffen / Handeln da besonders am Herzen liegen?

Als Vorständin für Personal und Nachhaltigkeit ist eines meiner Haupt- und Herzensprojekte, den Menschen in unserem Unternehmen zu helfen, mit der stetigen Veränderung nicht nur mitzugehen, sondern gerade in der heutigen Zeit besser zurecht zu kommen. Denn Transformation gelingt nur mit Menschen – nicht gegen sie. Über beständige, unaufgeregte Veränderung lässt sich für mich gerade beim ruhigen Blick auf ein sich stets bewegendes Gewässer nachdenken. Etwas Größeres lässt die für uns Menschen an sich meist bedrohliche Veränderung zutiefst hoffnungsvoll und friedlich erscheinen, strahlt sogar innere Ruhe und Frieden aus. Die Kolleginnen und Kollegen bei Emschergenossenschaft und Lippeverband tragen jeden Tag Verantwortung für Wasser, Umwelt und Gesellschaft. Diese Leistung sichtbar zu machen, wertzuschätzen und gute Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, ist für mich eine Herzensangelegenheit.

Das Projekt, das mir darüber hinaus besonders am Herzen liegt, ist tatsächlich die Emscher bzw. der Emscher-Umbau selbst. Hier zeigt sich exemplarisch, was möglich ist, wenn Menschen gemeinschaftlich an Veränderung glauben, sie fachlich fundiert planen, genossenschaftlich finanzieren und gemeinsam umsetzen. Ich lade Jede und Jeden ein, bei Gelegenheit einen Spaziergang oder eine Radtour entlang eines Stücks des Emscher-Weges zu machen – von der Quelle in Holzwickede bis zur neu gestalteten Mündung in den Rhein bei Dinslaken und Voerde. Das Glitzern der heute sauberen und mäandrierenden Emscher in der Sonne macht sehr schnell deutlich, was ich meine.

Gleichzeitig berühren mich auch die Wasserprojekte in Afrika sehr, weil sie zeigen, wie unmittelbar Wasser über Bildung, Gesundheit, Würde und Zukunft entscheidet. Diese Verbindung von Hoffnung und konkretem Handeln ist für mich der Kern nachhaltigen Engagements.

Gibt es für Sie in Ihrer täglichen Arbeit Momente, in denen Sie sich daran erinnern, wir sind alle Gottes Kinder?

Es gibt viele Momente, in denen mir bewusst wird, dass jeder Mensch Respekt, Würde und Anerkennung verdient – unabhängig von Rolle, Herkunft oder Funktion. Es kommt auf jede individuelle Stärke an, die jeder Mensch innehat. Zeiten schneller stetiger Veränderungen, Komplexität, Dauerkrisen, sinkender persönlicher und menschlicher sozialer Kontakte sowie künstlicher Intelligenz fordern uns gerade auf, uns auf die individuellen Stärken jedes Einzelnen zu besinnen. Aus der Diversität und dem sich ergänzenden Miteinander wollen wir hochleistungsfähige Teams gestalten, an die man Verantwortung und Gestaltungsmacht übertragen kann. Die Kraft, die aus unserem zutiefst menschlichen und nicht vorhersehbaren Zusammenwirken in diversen stärkenbasierten Teams entsteht, wird meiner Ansicht nach gerade heute immer wichtiger und stets stärker sein als alles künstlich Erschaffene.

Wenn Kolleginnen und Kollegen Verantwortung übernehmen, füreinander einstehen oder auch in schwierigen Situationen Haltung zeigen, wird sehr deutlich: Wir arbeiten nicht nur an technischen Lösungen, sondern an etwas zutiefst Menschlichem. Diese Momente erinnern mich daran, dass Führung immer auch Verantwortung für Menschen bedeutet.

Sie sagen: „Die Emscher zeigt uns, dass Wandel möglich ist. Und die Adventszeit zeigt uns, dass Gott uns auf diesen Wegen begleitet.“

Für mich bedeutet das vor allem, dass uns die stille, oft fröhliche Besinnung im Advent die vielen kleinen Lichter in der dunklen Jahreszeit, die Hoffnung und den Glauben, die Zuversicht und die notwendige Beharrlichkeit schenkt, auch stetige und zunächst nicht für möglich gehaltene Veränderungen zu meistern. Wie die Emscher, deren Renaturierung zeigt, dass selbst tiefgreifende, generationenübergreifende Herausforderungen lösbar sind – wenn wir glauben, langfristig denken, Hoffnung nicht aufgeben, Verantwortung übernehmen und gemeinsam handeln.

Der Advent steht dabei sinnbildlich für eine Haltung: nicht zu resignieren, sondern an Entwicklung zu glauben; nicht alles sofort zu erwarten, sondern Schritt für Schritt voranzugehen. Diese Haltung begleitet mich auch in meiner Arbeit. Transformation braucht Geduld, Vertrauen und die Bereitschaft, Menschen mitzunehmen. Die Emscher ist dafür ein starkes und ermutigendes Beispiel.

Frau Weismüller, herzlichen Dank für dieses Interview.
Das Interview führte Frauke Haardt-Radzik