Solus Christus und die Vielfalt der Stadtgesellschaft

Pfarrerinnen und Pfarrer suchen Antworten auf aktuelle Herausforderungen ihrer Arbeit

Prof. Dr. Frank Crüsemann gab den Pfarrerinnen und Pfarrern mit seinen Vorträgen wichtige Denkanstöße für ihre Arbeit. FOTO: R. HÖCKER

GELSENKIRCHEN – Die christliche Kirche benennt sich nach Jesus Christus. Er steht im Mittelpunkt ihres Glaubens und Handelns. Aber was bedeutet das genau? Dass der christliche Glaube sich nicht von selbst versteht und auch von Kirchen missdeutet werden kann, belegt eine berühmte Warnung, die an Erkenntnisse der Reformationszeit anknüpft: „Solus Christus“ – Christus muss allein die Mitte bleiben! Unter Leitung von Superintendent Rüdiger Höcker trafen sich Anfang Februar 26 Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid zu einem dreitägigen Seminar. Auf dem „Heiligen Berg“ in Wuppertal, einer traditionsreichen Bildungsstätte der evangelischen Kirche, unternahmen sie den Versuch, sich einer der zentralen Aussagen des Protestantismus neu zu nähern.

Ein und derselbe Gott

Im Mittelpunkt der Fortbildung standen zwei Vorträge von Prof. Dr. Frank Crüsemann: „Bonhoeffer, das Alte Testament und die Frage einer biblischen Christologie“ und „Der Gott der Bibel und die Religionen“. In seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit geht Prof. Crüsemann der Frage nach, welchen Anteil die christliche Kirche und Theologie am Verbrechen des Holocaust haben und wie eine Neuorientierung aussehen müsse. Der erste Vortrag legte dar, dass die in der Kirchengeschichte propagierte These einer „Überlegenheit“ des Christentums über das Judentum, die eine der Wurzeln des Antisemitismus bildet, den biblischen Zeugnissen widerspricht.
Nach seiner Auffassung gibt es keine neutestamentliche Aussage über Christus, die nicht auf Zitate des Ersten Testaments zurückgreift oder in dessen Horizont erfolgt. Die Zitate öffnen einen Raum, der schon da ist: Sie schaffen nichts Neues oder gar „Besseres“, sondern laden ein zur Teilhabe an Gottes fortbestehender Liebe. Jesus Christus verbindet die christliche Kirche mit der Glaubensgeschichte Israels. Prof. Crüsemann wies darauf hin, dass der von den Nazis hingerichtete Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer sich während seiner Haftzeit intensiv dem Ersten Testament widmete. In einem Gefängnisbrief notierte er: „Ich habe 2 ½ Mal das Alte Testament gelesen und viel gelernt“. Diese Schriften waren die Bibel Jesu. Jesus war Jude. Bonhoeffer wurde – durchaus im Bruch mit bisherigen Überzeugungen – deutlich: Es ist ein und derselbe Gott, der in beiden Glaubensgemeinschaften begegnet. Gottes Wort im Neuen Testament braucht sein Wort im Alten Testament, sonst hören wir nicht Gottes Wort.

Im Fremden das Eigene finden

In dem Seminar wurde der Fokus auch auf die besonderen Herausforderungen kirchlicher Arbeit in der ethnischen und religiösen Vielfalt des Ruhrgebiets gerichtet. Hier brachte Prof. Crüsemann die biblische Sicht des Verhältnisses vom Gott Israels zu anderen Religionen ein. Er hält die Menschenwürde für einen zentralen Ansatzpunkt. Anders als eine breite christliche Tradition suggeriert, bleiben die Menschen auch nach der Vertreibung aus dem „Paradies“ im 1. Buch Mose weiterhin Gottes Ebenbild. In allen Kulturen und Religionen. Prof. Crüsemanns Hinweisen zufolge sind die alttestamentlichen Schriften nicht an religiöser Abgrenzung interessiert. Der Segen, den Abraham erhält, zielt auf alle Menschen ab, nicht nur exklusiv auf die mit dem „richtigen“ Glauben. Es ist die ägyptische Sklavin Hagar, die dem Gott Abrahams einen Namen geben darf und später durch ihn gerettet wird: „Du bist El Ro’i, Gottheit des Hinsehens.“ Damals und heute sind alle eingeladen, den zu entdecken, der allen Völkern verbunden ist. Man darf auch im Fremden das Eigene finden und wertschätzen. Das wirkliche Interesse der biblischen Schriften gilt dem Thema Gerechtigkeit. Andere Völker gehen nicht unter, weil sie andere Götter haben, sondern wenn sie ungerecht handeln.

Abschließend beschäftigten sich die Teilnehmenden mit dem Thema „Vielfalt annehmen – Vielfalt leben“. Wie erleben Gemeindeglieder die Vielfalt in unserer Stadt? Was sind ihre Erwartungen und die der säkularen Gesellschaft an eine evangelische Stadtkirche? Welche Antworten kann es nach reiflicher Prüfung geben, wenn wir auf die weit gefächerte Lebenswirklichkeit in Gelsenkirchen und Wattenscheid ernsthaft in den Blick nehmen? Am Ende vereinbarten die Anwesenden, diesen Fragen im Kirchenkreis intensiv nachzugehen – zuerst nach innen und anschließend nach außen im Dialog mit der Stadtkultur.

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