Eine logische Religion

An der Evangelischen Gesamtschule gehört Islamkunde von Beginn an zum Alltag

Anschaulich: Sümmeyya hat die Erlebnisse des Propheten Yusuf farbig ausgestaltet.

Anschaulich: Sümmeyya hat die Erlebnisse des Propheten Yusuf farbig ausgestaltet.

Engagiert: Nergiz Bozcelik erklärt der Klasse, wie es in der nächsten Stunde weiter geht: „Was wären meine Gefühle, wenn ich an Yusufs Stelle wäre?“

Engagiert: Nergiz Bozcelik erklärt der Klasse, wie es in der nächsten Stunde weiter geht: „Was wären meine Gefühle, wenn ich an Yusufs Stelle wäre?“

Erfinderisch: Mert hat Yusufs Stimmungen mit farbigen Mondgesichtern gekennzeichnet. Unten auf dem Blatt hat er bereits seine Antwort auf die Frage der Lehrerin notiert: „Ich hätte ihnen [den Brüdern] verziehen, weil jeder eine zweite Chance bekommen

Erfinderisch: Mert hat Yusufs Stimmungen mit farbigen Mondgesichtern gekennzeichnet. Unten auf dem Blatt hat er bereits seine Antwort auf die Frage der Lehrerin notiert: „Ich hätte ihnen [den Brüdern] verziehen, weil jeder eine zweite Chance bekommen sollte.“

Konzentriert: Mit Schulbuch (rechts) und Koran (links) als Vorlage zeichnet jedes Kind seine persönliche Bildgeschichte. FOTOS: CORNELIA FISCHER

Konzentriert: Mit Schulbuch (rechts) und Koran (links) als Vorlage zeichnet jedes Kind seine persönliche Bildgeschichte. FOTOS: CORNELIA FISCHER

GELSENKIRCHEN – Sümmeyya (12) hat der Geschichte des Gesandten Yusuf leuchtende Farben gegeben. In jedes kleine Rechteck hat sie eines von Yusufs Erlebnissen gezeichnet. „Das ist wie ein Comic“, erklärt sie und deutet auf die erste Szene. „Hier wird Yusuf von seinen Brüdern in einen Brunnen geworfen.“ Beyza (11) weiß auch warum: „Weil der Vater ihm mehr Aufmerksamkeit geschenkt hat als den anderen Brüdern.“

Dienstags um 11.45 Uhr steht für die Jahrgangsstufe 6 der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen (EGG) Religion auf dem Stundenplan. Im Klassenhaus der 6d treffen sich Kinder aus allen fünf Klassen zum Islamkundeunterricht. Während in der Öffentlichkeit über die Einführung dieses Fachs noch heiß diskutiert wird, gehört es in der EGG bereits seit ihrer Gründung 1998 zum Alltag.

In der Unterrichtsreihe „Streit und Versöhnung“ legt Lehrerin Nergiz Bozcelik Wert auf die Gefühlswelten. „Wie fühlt sich Yusuf, als er von seinen Brüdern verraten wird – und wie geht es ihm, als er ihnen verzeiht?“ Mert (11) hat dafür in seiner Bilderfolge auf Symbole zurückgegriffen, die er aus ganz anderen Zusammenhängen kennt: Ein lachendes und eine weinendes Gesicht, verstärkt durch die Ampelfarben „grün“ für gut und „rot“ für schlecht. Gerade hat er sich in den Koran vertieft, weil er eine Stelle der Geschichte noch einmal nachlesen muss. Berkan (12) erklärt: „Das ist eine deutsche Übersetzung des Koran, weil manche ihn ja nicht in der Originalsprache lesen können.“ Er geht auch in die Moschee zum Unterricht. „Aber da lernen wir das jetzt noch nicht.“

Wem die Geschichte des Gesandten Yusuf mit seinen elf Brüdern bekannt vorkommt, kennt entweder seinen Koran (Sure12:4-101) oder seine Bibel (1. Mose 37 und 39-41). Einmal heißt die Hauptperson Yusuf, einmal Joseph: Beide Geschichten weisen starke Parallelen auf.

Zwei Stunden (je 60 Minuten, die EGG unterrichtet durchgehend in Zeitstunden) pro Woche gibt es evangelischen, katholischen und islamischen Religionsunterricht in den Jahrgängen 5 bis 8 der EGG. Nicht alle muslimischen Schülerinnen und Schüler nehmen „IKU“, wie es kurz im Stundenplan heißt. Manche Eltern entscheiden sich für den evangelischen Religionsunterricht. „Das wird nur schwierig, wenn sie mittendrin zum IKU wechseln wollen“, berichtet Volker Franken, der stellvertretende Schulleiter. „Dann werden die Gruppen schon mal zu groß.“ Schon jetzt tummeln sich 31 Mädchen und Jungen im IKU der Jahrgangsstufe 6.

Zurückführen auf Alltagserfahrungen

Nergiz Bozcelik ist eine von drei Lehrerinnen für Islamkunde an der EGG. Es ist ihr drittes Fach neben Biologie und Pädagogik. Sie hat Islamwissenschaften in Bochum studiert und zusätzlich Islamische Religionspädagogik in Osnabrück. Nur die Möglichkeit zu den entsprechenden Abschlüssen lag quer zu ihren beiden anderen Studiengängen. Deshalb macht sie nun auch noch den Zertifizierungskurs des Landes NRW, den ihre beiden Kolleginnen Gülüzar Deveci und Bircan Ay bereits absolviert haben. Bozcelik ist überzeugte und engagierte Muslima. Im Studium ist ihr klar geworden: „Der Islam ist eine logische Religion. Wenn etwas unlogisch erscheint, dann müssen wir das hinterfragen und nachforschen, um herauszufinden, was eigentlich gemeint ist.“ Sie möchte erreichen, dass die Jungen und Mädchen das, was sie im Unterricht lernen, zurückführen können auf ihren Alltag als muslimische Kinder. Dabei weicht sie auch den ganz klassischen Themen des Zusammenlebens von Christen und Muslimen nicht aus. „Die Schülerinnen und Schüler sprechen oft von sich aus das Thema „Kopftuch“ an. Das ist jedes Mal richtig anstrengend, die unterschiedlichen Positionen auszuhalten und Missverständnisse zu klären.“

Gemeinsamer Unterricht für die Älteren

Mit den Jahrgängen 9 und 10 durchläuft die EGG seit drei Jahren ein Modellprojekt. Religion wird im Klassenverband unterrichtet. Die drei IK-Lehrerinnen kommen für Unterrichtseinheiten über den Islam oder den Vergleich der Religionen zusätzlich in die Klassen. „Wir investieren an dieser Stelle ganz viel“, so Schulleiter Harald Lehmann. „Es sind insgesamt mehr Unterrichtsstunden als an jeder anderen Gesamtschule und der Personaleinsatz ist deutlich höher.“ Sein Stellvertreter Franken ergänzt: „Der Unterricht ist verpflichtend für alle Schüler und er findet nicht in Randstunden statt.“ Lehmann und Franken erleben für dieses Modellprojekt eine hohe Akzeptanz, beim Kollegium ebenso wie in den Klassen. Lehmann hat in seiner 10. Klasse mit Hilfe eines Fragebogens Rückmeldungen eingeholt. „Zu Beginn hatten die Schülerinnen und Schüler sich gegenseitig zum Thema Religion interviewt. Davon waren alle noch Monate später tief beeindruckt. Sie berichteten, dass sie ganz viel erfahren hätten über sich selbst ebenso wie über die anderen in einer Tiefe, die sie so bisher noch nicht erreicht hatten.“

Andachten in der Kapelle

Nicht nur gemeinsamen Religionsunterricht gibt es in den Klassenverbänden der Jahrgänge 9 und 10, sondern auch Andachten in der Kapelle der EGG. Ein Teil der Klasse bereitet sie vor und feiert sie dann mit der ganzen Klasse. „Da muss nicht jeder alles mitmachen, etwa die Muslime das Vaterunser, aber die Klasse feiert gemeinsam und lernt, andere Überzeugungen zu respektieren“, so erlebt es der Schulleiter. Wegen eines Engpasses fielen in einer 10. Klasse die Andachten in einem Halbjahr aus: „Da gab es sogar die Rückmeldung, dass man die gemeinsame Feier in der Kapelle vermisst habe.“

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