Ehrenhäuptling der Massai

Pfarrer Martin Geißner aus Morogoro war zu Gast in Gelsenkirchen

Anschaulich und lebendig erzählte Pfarrer Martin Geissner (rechts) von seiner Arbeit unter den Massai. FOTO: CORNELIA FISCHER

Anschaulich und lebendig erzählte Pfarrer Martin Geissner (rechts) von seiner Arbeit unter den Massai. FOTO: CORNELIA FISCHER

GELSENKIRCHEN – Kürzlich war Hans-Martin Geißner auf Einladung des Partnerschaftskreises im Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid, um in intensiven Gesprächen über neue Strukturen des Stipendienprogramms der „René und Rudi Kress-Stiftung“ und des Kirchenkreises mit dem Partnerdistrikt Morogoro in der gleichnamigen Diözese der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Tanzania zu beraten.

Im Rahmen dieses Besuches fand in der Trinitatis-Kirchengemeinde Buer ein offener Begegnungsabend statt, an dem „Mchumgayi Martin“ (Pastor Martin) – wie die Massai ihn liebevoll nennen – von seiner Arbeit in diesem nomadisierenden Hirtenvolk im weiten Hinterland von Morogoro erzählte. Er ist Architekt und Baumeister, Diakon, Medizinmann und Entwicklungshelfer, Bettler und Häuptling, aber vor allem ist er Geburtshelfer bei den zahlreichen Gemeindeneubildungen in der heißen Steppe Tanzanias. Und in Wirklichkeit ist er doch nur ein fränkischer Pfarrer, den sein Bayerisches Missionswerk, die „Mission EineWelt“ in Neuendettelsau, als Massai-Missionar in die Morogoro-Diözese entsandt hat als „pastor for and together with the Massai“, wie er sich selbst am liebsten sieht.

Vor gut zehn Jahren haben Martin Geißner und seine Frau Angelika ihre Arbeit mit der Gemeindegründung „Melela Kibaoni“ begonnen. Durch ausländische Konzerne, die ganze Landstriche für Plantagen und Monokulturen verwenden, wird das Weideland für die Rinder- und Ziegenherden der Nomaden immer geringer. So wird es zusehends wichtiger, dass Frauen und Kinder sesshaft werden und sich zu kleinen Dorfgemeinschaften zusammenschließen, während die Männer mit ihren Herden auf der Suche nach Nahrung für ihre Herden weiterziehen. Die kleinen Gemeindezellen, die dadurch entstehen, finanzieren sich weithin durch die Arbeit der Frauen, wie etwa die Herstellung und den Verkauf von traditionellem Massai-Schmuck. Alle Arbeit ruht auf den Schultern der Frauen. So ist es nicht verwunderlich, dass die unter den Massai bisher übliche Vielehe in einigen Fällen auch weiterhin gepflegt wird, um die Ernährung der Familie sicherzustellen, während die Männer oft monatelang unterwegs sind. 

„Nach wie vor ist mein Dienst stark davon geprägt, dass wir uns in einer Entwicklungs- und Überlebensgesellschaft befinden, die einen Kampf zu bewältigen hat, der fast nicht zu gewinnen ist“, sagte Geißner. „Dazu kommt die strukturell eher schwache Gegend im mittleren Osten Tanzanias, der auch von dem grundsätzlichen Nord-Süd Gefälle betroffen ist. Nicht zuletzt erlebe ich die Massai in den hiesigen Breiten bei weitem nicht so ‚pfiffig‘ oder gebildet wie in der Arusha Gegend. Den drei großen Herausforderungen, denen sich die Massai hier stellen müssen, sind sie so gut wie nicht gewachsen.“ Dazu zählen neben dem immer knapper werdende Weideland für ihre Herden die Einflüsse und Verlockungen der westlichen Welt  und nicht zuletzt die eher restriktive, gleichgültige und defizitäre Politik des Staates für die Hirtenvölker allgemein. Auch innerhalb der Diözese und des Distriktes Morogoro wird die Arbeit unter und mit den Massai eher nur am Rande wahrgenommen. „Leben und leben lassen“, scheint hier die Devise zu sein. 

Dennoch sind nach diesen zehn Jahren unermüdlicher Aufbauarbeit in dem weiten Gebiet mit Melela Kibaoni und Parakuyo zwei Großgemeinden entstanden, zu denen jeweils fünf bis zehn Sprengel (Mitaas) gehören, wobei die Gemeinden mit Pfarrern und die Mitaas mit Evangelisten als gemeindliche Leiter versehen sind. Erstmals ist jetzt die Situation erreicht worden, dass jeder Ort seinen eigenen Gemeindeleiter hat. Das bezeichnete Geißner als einen großen Segen, weil die Weiterentwicklung einer Predigtbuschstelle zu einem Sprengel erhebliche Anstrengungen erfordere und nur mit einem hauptamtlichen kirchlichen Mitarbeiter zu erreichen sei. Dabei sind die Gemeindeteile kaum in der Lage, ein Gehalt von monatlich wenigstens 30-50 Euro für ihre Pfarrer oder Evangelisten aufzubringen. Um ihnen eine Lebensgrundlage zu ermöglichen, hat Geißner damit begonnen, in jedem Ort ein kleines Häuschen für den Gemeindeleiter zu errichten. Für den Lebensunterhalt für sie und ihre Familien müssen sie jedoch weithin selbst sorgen. Inzwischen ist es gelungen, etwa 70% der Gemeindeleiter mit einem Projekt auszustatten, das es ihnen ermöglicht, finanziell auf eigenen Füßen zu stehen. 

Mit viel Phantasie und großem Einsatz versuchen Geißners, dieses Projektprogramm in zwei Jahren zum Abschluss zu bringen. Hervorragend geeignet sind Solarprojekte, die es dem Betreiber ermöglichen, gegen Entgelt Handys aufzuladen oder andere Dienstleistungen zu verrichten. Für die Errichtung der letzten noch erforderlichen Gemeindeleiterhäuschen und die Renovierung zahlreicher Kirchen suchen Geißners noch fröhliche Spender. Jedes der fünf noch zu erstellenden Häuser kostet rund 5.000 Euro, und für die Kirchrenovierungen müssen jeweils 3.000 Euro aufgebracht werden.

Nach der Rückkehr des erkrankten ehemaligen Austauschpastors Yordan Matandika und seiner Familie nach Morogoro hat Martin Geißner ihnen entscheidend bei der Wieder-eingliederung in ihre Heimatdiözese geholfen. Dafür ist der Kirchenkreis ihm dankbar.

In zwei Jahren heißt es für Martin und Angelika Abschied aus Morogoro zu nehmen, damit ihre beiden kleinen Söhne, denen sie neben den deutschen auch Namen in Wamaasai gegeben haben, die Heimat ihrer Eltern kennen lernen. Jonas, genannt Lenyorrata (7 Jahre) und Leon, genannt Lewangan (fast 10 Jahre) werden zum ersten Mal in Deutschland zu Hause sein. Inzwischen ist Geißner längst zum Ehrenhäuptling der Massai auf Lebenszeit gewählt worden. Er wird selbst in Deutschland der weiße Massai bleiben, weil er auch von hier aus „sein Volk“ zu vertreten und zu repräsentieren hat.

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