„Die Menschen haben mir so gut getan.“

Tabea Höcker war ein Jahr lang in Argentinien

Tabea Höcker hat es sich abgeguckt: Bei einer Tasse Mate-Tee gestikulieren die Argentinier gerne temperamentvoll und mit Nachdruck. FOTO:CORINNA LEE

BUENOS AIRES/GELSENKIRCHEN – „Ich hatte keine Furcht. Ich habe mich wohl gefühlt in den Armenvierteln, den so genannten ´Barrios´. Vielleicht haben wir manche Menschen verändert. Auf jeden Fall haben wir Kindern Liebe geschenkt“, sagt Tabea Höcker. Direkt nach dem Abitur ist die 20-jährige im August letzten Jahres nach Argentinien gereist, um dort ein Soziales Jahr abzuleisten. Jetzt ist sie wieder heimgekehrt nach Deutschland und um etliche Erfahrungen reicher. „Ich wollte einen sozialen Dienst im Sinne von Entwicklungs- und Friedensdienst in einem Land machen, das ganz anders ist als Deutschland. Ich wollte Menschen begegnen, die nicht so leben wie ich. Mich hat es gereizt, eine fremde Kultur, interessante Leute und eine neue Sprache kennen zu lernen.“

 

Tabea Höcker ist die erste Volontärin, die von der Evangelischen Kirche von Westfalen nach Buenos Aires entsandt wurde. „Ich habe das so ´hopp´ gemacht, ohne intensive Vorbereitung. Dass ich nach Argentinien gegangen bin, war eher Zufall. Natürlich habe ich mich vorher über Land und Leute informiert. Aber was mich dann erwartet hat, war etwas ganz anderes“, erzählt die junge Frau. Buenos Aires empfand sie laut, stickig und hektisch. Bunt zusammen gewürfelt steht ein Obstgeschäft zwischen einem Elektroladen und einem Friseur. An jeder Ecke sieht man Pizza- und Empanadasbuden. (Empanadas sind gefüllte Teigtaschen und eine Art „Nationalspeise“). Jugendbanden lungern auf den Straßen herum. Drogen werden offen konsumiert. Mädchen und jungen Frauen wird geraten, nach 21 Uhr nicht mehr alleine durch die Straßen zu gehen. „Ich fand Buenos Aires so furchtbar und hässlich. ´Das halte ich kein Jahr aus´, war mein erster Gedanke.“ Dann lernte Tabea die Menschen kennen. „Irgendwann habe ich festgestellt, dass die Menschen mir so gut taten. Diese Herzlichkeit, mit der ich empfangen wurde. Die Freude, wenn ein Kind auf mich zu gerannt kam und mich umarmte. Die Freundschaften, die ich schließen konnte. Das alles waren Begegnungen, die ganz wertvoll für mich waren. Die Menschen in meinem Projekt prägten meine eindringlichsten Erfahrungen in dem vergangen Jahr!“

 

In Kooperation mit der argentinischen „Evangelischen Kirche am Rio de la Plata“ wurde Tabea Höcker in dem Projekt „Casa San Pietro“ eingesetzt. Dieses Projekt gleicht einem hiesigen Gemeindezentrum. Für die Bewohner des Armenviertels, für die vielen Kinder und Jugendlichen, jungen Frauen und alten Menschen ist die „Casa San Pietro“ ein offenes Haus. Jeden Tag werden dort 270 Portionen Mittagessen an die Bedürftigen des Armenviertels ausgeteilt. Das „Barrio“, in dem die Casa steht, besteht aus zwei geteerten Straßen und einigen Schlammwegen. Kleine Steinhäuser, aus ein oder zwei Räumen sind das Zuhause von zehnköpfigen Familien. Sie haben es dort noch besser, als im „Nachbar-Barrio“ ein Stück weiter. Dort bestehen die Häuser nur aus Wellblech. Türen gibt es nicht. Die Eingänge werden provisorisch mit einem Stück Stoff verhängt.

Kinder und Frauen, die geschlagen werden, sexueller Missbrauch in der Familie sind unter diesen Bedingungen keine Seltenheit. „Das war eine ganz neue Erfahrung, mit der ich leben musste: Ich wusste, das Kind wird geschlagen und ich bringe ihm - ungeachtet dessen - Englisch bei. Man gewöhnt sich nicht daran, aber man lernt, damit umzugehen“, erzählt Tabea nachdenklich. Tabea begleitete in den ersten Monaten eine Sozialarbeiterin, die Hausbesuche in den „Barrios“ machte. So konnte sie die argentinischen Lebensverhältnisse unmittelbar kennen lernen. „Die Menschen in den Armenvierteln haben keinen geregelten Lebens- oder Arbeitsrhythmus. Sie hängen einfach zu Hause rum. Die meisten verdienen ihren Lebensunterhalt als Dienstmädchen oder Putzfrauen. Die Männer sind überwiegend richtige Machos und arbeiten meist als Zimmermänner.“

Auf die Frage zum größten Unterschied in der Mentalität fällt ihr spontan die Unpünktlichkeit der Argentinier ein. „Die Menschen vergessen einfach, welcher Tag es ist. Sie tragen keine Uhren und kommen ständig zu spät. Wenn der Gottesdienst für 9:30 Uhr angesetzt ist, dann kann man sich getrost auf elf Uhr einstellen“, ereifert Tabea sich. „Verabredet man sich zu einem Treffen, dann kommt man vielleicht zwei Stunden später oder vielleicht auch gar nicht.“ Mit der Zeit passte sie sich an das Verhalten an. Nur schlecht gewöhnen konnte sie sich hingegen an ihren Fahrweg zur „Casa San Pietro“. Rund anderthalb Stunden benötigte Tabea, um mit Bus und Bahn von der theologischen Fakultät, in der sie wohnte, zu ihrem Projekt in das „Barrio“ zu kommen. „Ich hatte das Gefühl, durch ganz Argentinien reisen zu müssen. Raus aus der Stadt, rein in die Armenviertel, quer durch ein Viertel, wo nur Reiche wohnten und abrupt wieder ins Armenviertel. Die Fahrten waren überaus anstrengend. Dass ich dabei nicht immer pünktlich sein musste fand ich dann auch irgendwann entspannend. Ein bisschen habe ich die Mentalität auch übernommen“, schmunzelt Tabea.

„Und feiern können die Argentinier! Sie sind nämlich sehr temperamentvolle und offene Menschen. Wenn ich in die Familien gekommen bin, haben sie mich immer herzlich empfangen und aufgenommen. Zwei Freunde habe ich gewonnen, Marianna und Pablo, zu denen ich bestimmt den Kontakt halten werde.“

 

Gemeinsam mit zwei weiteren deutschen Volontärinnen bot Tabea in ihrem Projekt Englischkurse und Bastelgruppen für Kinder und Jugendliche an. „Eine gute Beziehung konnte ich erst dann aufbauen, als ich die spanische Sprache richtig gesprochen und vor allem verstanden habe“, erinnert sich Tabea. „Ich hatte zu Hause schon etliche Stunden Sprachunterricht genommen. In Argentinien selbst haben wir in einer Gruppe von 15 Volontärinnen und Volontären im ersten Monat fünf Tage in der Woche intensiv die Sprache gelernt. Dann dauerte es noch sechs Monate, bis ich den Leuten nicht mehr konzentriert auf den Mund starren musste und nach acht Monaten konnte ich endlich fließend sprechen und habe sogar in Spanisch geträumt.“ Als sie den Slang der Jugendlichen verstand und beherrschte, gewann sie auch deren Respekt.

 

Die Arbeit mit den Kindern wird ihr von allen Erlebnissen am nachdrücklichsten in Erinnerung bleiben. „Wir sind mit den Kindern in den Zoo gegangen. Oder wir haben eine Wand der Casa bemalt. Das war besonders schön, weil wir uns jetzt in dem Projekt irgendwie verewigt haben.“ Tabea würde gerne in drei Jahren wieder kommen, um zu sehen, was sich verändert hat und was gleich geblieben ist. „Ich würde gerne sehen, ob die `Saat`, die wir bei den Kindern gesät haben, aufgegangen ist, ob sie sich noch an uns erinnern.“

 

Jetzt blickt Tabea Höcker in ihre Zukunft. Sie wird „European Studies“ in Maastricht studieren. „Für mein Studium sind die Erfahrungen, die ich in dem vergangenen Sozialen Jahr in Argentinien machen konnte, überaus sinnvoll. Ich hoffe, dass ich die Menschen und deren Kultur niemals vergessen werde. Ich habe gelernt, mich Konflikten, die auf einem fremden kulturellen Hintergrund basieren, zu stellen und davon zu lernen.“ -lee

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