Dokumentiert

Predigt von Superintendent Heiner Montanus im Abendgottesdienst am Reformationsfest, 31. Oktober 2018, Bleckkirche

Galater 5,1:          Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Liebe Gemeinde,

jede Revolution hat ein Symbol, das für sie typisch ist: der goldene Stern auf rotem Grund, das Konterfei Che Guevarras, die Fahne mit der Aufschrift „Wir sind das Volk.“

Das ist bei der Reformation nicht anders. Fallen Ihnen Symbole ein, die für die Reformation stehen?
Ich habe drei mitgebracht. Einen Hammer. Zwei Nägel. Ein Blatt Papier. Heute vor 501 Jahren hat Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt. Es ging um Buße. Um Gnade. Um einen Glauben und ein Leben, die in der frohen Botschaft von Jesus Christus verwurzelt sind.

Und jetzt beginnen die Schweizer, ihr Reformationsjubiläum zu feiern. Denn vor fast 500 Jahren, 1519, wurde Huldrych Zwingli Pfarrer am Großmünster in Zürich. Zwingli, einer der beiden großen eidgenössischen Reformatoren.
Und auch die Zürcher Reformation hat ein Symbol. Es ist – eine Wurst. Warum das? Was hat Reformation mit Wurst zu tun?

Das kam so: Zwingli hatte drei Jahre in Zürich als Pfarrer gearbeitet. Und dabei war er immer mehr als Reformator hervorgetreten. Hatte die Bibel neu gelesen. Hatte das Evangelium neu entdeckt. Und hatte entsprechend gepredigt. Das blieb nicht ohne Folgen. Im Frühjahr 1522 lud der Buchdrucker Christoph Froschauer zu sich nach Hause zum Essen ein. Es gab – Sie ahnen es schon – Wurst. Und einen Skandal. Denn die Feier fand mitten in der Fastenzeit statt. Da war Wurst essen streng verboten. Eine Provokation. Und dann saß auch noch Zwingli mit am Tisch. Und er protestierte nicht. Schlimmer noch: Er rechtfertigte den Verstoß gegen die Fastengebote sogar.

Es ging um die Wurst. Um die auf dem Teller. Und um das, was wir meinen, wenn wir sagen, dass es um die Wurst geht. Dann geht’s nämlich ums Ganze. Um eine wichtige Entscheidung.

Und was ist das: das Ganze, das Wichtige? Als Zwingli das Wurstessen und seine Anwesenheit rechtfertigt, da zitiert er aus dem Galaterbrief[1]: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ Galater 5 Vers 1.

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Das ist die Mitte der frohen Botschaft. Das der Kern des Evangeliums.

Wir, Sie und ich, sind befreite Menschen. Jede und jeder von uns. Ein befreiter Mensch. Vielleicht halten Sie jetzt dagegen und sagen: Ich fühl mich aber gar nicht frei. Und zum Beweis können Sie aufzählen, wo überall sie nicht frei sind. Genau damit aber sind Sie dicht dran an der Entdeckung der Reformation. Dass wir nicht „einfach so“ frei sind. Ihnen und mir ist die Freiheit nicht in die Wiege gelegt. Und wir müssen, wir können sie uns auch nicht über die Jahre hinweg erarbeiten.

Wir müssen zur Freiheit befreit werden. Da muss ein anderer kommen und unsere Ketten lösen. Christus. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Der macht aus uns Menschen, die frei und aufrecht vor Gott stehen. Wegen ihm sind wir frei. Nicht aus eigener Kraft. Nicht, weil wir so anständige Leute und tatkräftige Menschen sind. Sondern weil Christus uns hinein nimmt in seine Freiheit. Darum sind wir frei.

Das heißt glauben: Ich vertraue darauf, dass ich um Jesu willen ein freier Mensch bin. Gott selbst steht dafür ein.

Das ist auch die Entdeckung Luthers: Wir sind um Jesu willen gerecht vor Gott. Anders gesagt: Wir sind befreite Menschen. Wir sind es allein aus Gnade. Sola gratia.

Bei den Reformatoren ist diese Zusage so stark, dass sie das Leben verändert. Sie sprengt die Mauern der Kirche und durchdringt den Alltag. Sie verlässt den Altar und erreicht den Tisch im Haus von Christoph Froschauer. Wurst wird serviert. Martin Luther entdeckt, dass er vor Gott ein freier Mensch ist. Das macht ihm Mut. Und er legt sein Mönchsgewand ablegt und heiratet eine entlaufene Nonne. Und auch die wird von der Freiheit der Kinder Gottes gepackt. Sie fängt an, in Glaubenssachen mitzureden. Und immer wieder geht’s dabei um die Wurst. Ums Ganze. Um wichtige Entscheidungen. Um die Freiheit, die Gott schenkt. Und die ein Leben verändert.

Paulus schreibt weiter: „So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Offensichtlich ist das möglich. Ja, das ist sogar die Gefahr. Dass wir uns wieder in Knechtschaft, in Unfreiheit begeben. Dass wir so leben, als hätte es diesen Christus nicht gegeben. Als müssten wir uns unsere Freiheit weiterhin selbst erarbeiten.

Wo wird uns heute nicht überall Freiheit versprochen. Wo wird sie uns nicht überall angeboten. Wir müssen nur zugreifen. Ist genügend Geld auf dem Konto, sind wir frei. Und frei wie ein Vogel werden wir, wenn wir den Flieger besteigen und abheben. Die Landesregierung hat ein Entfesselungsgesetz erlassen, das die Wirtschaft und uns, die Kundinnen und Kunden, befreien soll.

Ich kaufe im REWE die schönen Putenschnitzel. Und dem Rest, dem, was hier unverkäuflich ist, begegne ich in Morogoro wieder. Da, in unserer Partnergemeinde in Tansania, wird das, was ich nicht auf dem Tisch haben will, auf dem Markt angeboten. Und unsere Schwerstern und Brüder erzählen: Eure Fleischreste werden von der EU hoch subventioniert nach Afrika geflogen. Und dadurch so billig verkauft, dass unsere Geflügelzüchter nicht mithalten können und Pleite gehen. Verbraucherfreiheit. Wirtschaftsfreiheit. Ist das die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat?

Denken Sie daran, wie wir uns das Altsein vorstellen. Und wie es uns verkauft wird. Jugendlich bleiben, mobil, gesund. Ja nicht angewiesen auf die Hilfe der Kinder oder der Nachbarn. Keinem zur Last fallen. Nicht bedürftig werden. Hilfsbedürftig. Pflegebedürftig. Sondern selber machen. Und wenn das nicht mehr geht: am besten schnell abtreten. Ist das Freiheit? Oder haben wir uns da nicht an den Wahn gekettet, uns selbst der Nächste sein zu müssen.

Nebenan im Zoo wird gerade Halloween gefeiert. Die Leute strömen in Massen. Wir können zugucken und den Kopf schütteln und stolz sein, dass wir hier der Reformation gedenken. Aber sind wir nicht irgendwie froh, dass diese Leute nicht auf einmal bei uns auftauchen? Weil wir gar nicht wüssten, wie wir Ihnen das, was uns hier so wichtig ist, erklären sollten. Und weil sie unsere gesetzte Art, Kirche zu sein, stören würden. Unser kirchliches Wohlbefinden. Aber zeichnet das eine Kirche der Freiheit aus?

Die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat, wird kleingemacht, wo wir sie privatisieren. Wo sie nur Innerlichkeit ausstrahlt.
Die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat, wird eingesperrt, wo wir sie säkularisieren. Wo wir sie den anderen überlassen.

Christus hat uns zur Freiheit befreit. Lassen Sie uns diese Freiheit festhalten. Denn lange bevor wir etwas tun, werden wir schon von ihr gehalten.
Und beide Male geht’s um die Wurst. Amen.

Die Predigt als PDF zum Herunterladen

 


[1] Huldrych Zwingli, Die freie Wahl der Speisen, in: Huldrych Zwingli Schriften, Bd. I, hg. Hans Ulrich Bächtold u.a., Zürich 1995, 72

  
  
  
  

 

 

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