Zwölf Fragen an Superintendent Rüdiger Höcker
Gibt es einen Bibelvers, der für Sie persönlich besonders wichtig ist?
Im Laufe des Lebens sammeln sich biblische Worte und kluge Gedanken, die zu Wegbegleitern werden. „Suchet der Stadt Bestes.“ „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott. Und Gott in ihr oder ihm.“ „Gott ist ein Liebhaber des Lebens.“ „Der Zweck heiligt nur die Mittel, die ihm entsprechen.“
Als Leiter des Kirchenkreises Gelsenkirchen und Wattenscheid tragen Sie Verantwortung für die Arbeitsplätze von über zweitausend Menschen. Wovon lassen Sie sich dabei leiten?
Kirche sollte eine verlässliche und faire Arbeitgeberin sein. Unsere Sozialworte müssen bei uns ihren Lackmustest bestehen. Das ist nicht leicht in Zeiten zurückgehender Kirchensteuereinnahmen. Hinzu kommt, dass viele Arbeitsbereiche refinanziert sind über öffentliche Mittel. Hier haben wir Vorgaben zu erfüllen, die nicht immer unserem Selbstverständnis entsprechen.
Kirchengemeinden, gemeinsame Dienste, das Diakoniewerk mit den Evangelischen Kliniken und das Martin-Luther-Krankenhaus in Wattenscheid – alle zusammen bewegen jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag. Wie behalten Sie dabei den Überblick?
Das frage ich mich manchmal auch. Ich bin Theologe und kein Betriebswirt. Ich bin Theologe mit Herzblut. Das beißt sich mit Zahlen und Fakten. Also: nur nicht bange machen lassen und sich durchbeißen. Der Rest des Geheimnisses: Fortbildungen.
Hochrechnungen sagen voraus, dass der Kirchenkreis in zwanzig Jahren ein Drittel weniger Mitglieder hat und nur noch halb so viele Einnahmen. Wie gehen Sie damit um?
Manchmal schlaflos. Manchmal gelassen. Ich bin nicht der Herr der Kirche. Manchmal ehrgeizig. Ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben, dass es uns gemeinsam gelingt, einen Weg durch diese schweren Zeiten zu finden, auf dem wir unser Profil schärfen, unserem Auftrag gerecht werden und weiterhin vielfältig Kirche sind.
Was machen Sie als Superintendent am liebsten?
Ich führe sehr viele Gespräche. Vielleicht sogar mehr als früher in meinem Gemeindepfarramt. Es gibt eine Menge Gestaltungsaufgaben. Ich gestalte gerne. Das Evangelium will Gestalt finden – in jeder Zeit neu. Das finde ich spannend und da bin ich gerne dabei.
Und was machen Sie nicht so gern?
Die vielen Berichte schreiben. Immer wieder Gesprächsnotizen. Und vor allem – aufräumen. Aufräumen nervt mich. Doch ohne Ordnung gehen Dinge verloren. So bin ich immer wieder auf der Suche nach dem Mittelweg. Den Rest kann Frau Polhöfer beantworten, meine Mitarbeiterin, die das alles auffangen muss.
Eine ‚leichte’ Arbeitswoche hat für Sie rund 60 Stunden, aber es können auch schon mal 100 werden. Wie geht es Ihnen?
Na ja – über 80 Stunden lasse ich dann doch nicht zu. Aber es ist schon so und besonders in Zeiten von Veränderungen, dass es manchmal reicht. Gerade auch bei uns in der Kirche, in der von allen Seiten Kommunikation erwartet wird, Beteiligung an Entscheidungen, Beteiligung von Gremien, von Presbyterien und Ausschüssen, kommt es dann immer wieder auch zu Grenzerfahrungen. Eine Tugend, die man lernt, ist die Tugend der Bescheidenheit. Ich bin es nicht, auch die vor mir waren es nicht, die nach mir wohl auch nicht, Gott selbst ist es.
Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Lesen, wandern, leider nicht mehr aktiv Fußball, dafür Museen und die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, Leidenschaften, die ich mit meiner Frau teile. Und das ist schön so. Die Kinder sind aus dem Haus*. Da verändert sich noch einmal das Leben – und wir gewinnen neue Freiräume, für die wir dankbar sind.
Was ist Ihr Leibgericht (und wer bereitet es zu)?
Grünkohl mit allem, was dazugehört. Und dann berühren Sie einen wunden Punkt in der Familie. Ich behaupte, dass ich nicht kochen kann. Und „meine drei Frauen“ sagen, dass ich es nicht will. Wie so oft im Leben: Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte.
Nach 23 Jahren Gemeindepfarramt in Ostwestfalen sind Sie nach Gelsenkirchen, wo Sie aufgewachsen sind, zurückgekommen. Wie erleben Sie die Stadt heute?
Überraschend und gleichzeitig erschreckend vertraut. Ich habe Gelsenkirchen 1969 verlassen und bin 2004 zurückgekehrt. Man spürt der Stadt ab, was es für eine Herausforderung ist, nach Kohle und Stahl eine neue Identität zu gewinnen. Es ist aber auch spannend, die Herausforderungen von Interkulturalität und Interreligiösität zu erleben. Für die Zukunft unserer globalen Gesellschaft wird es immer wichtiger, Antworten auf die Fragen eines gerechten, friedlichen Zusammenlebens zu finden über soziale, kulturelle, religiöse, über Milieugrenzen hinweg. Pro-Existenz ist für mich zu einem Schlüsselwort geworden. Wir schaffen wir es, füreinander zu leben, in gegenseitigem Respekt, friedlich, gerecht. Und das ist für mich Gelsenkirchen.
„Gelsenkirchen und Wattenscheid“ heißt der Kirchenkreis, den Sie leiten. Ist Wattenscheid da nicht bloß ein Anhängsel?
Nein! Die gesellschaftlichen und kirchlichen Herausforderungen, mit denen wir es in Gelsenkirchen zu tun haben, finden sich in gleicher Weise in Wattenscheid. Für die Stadt Bochum sind wir zwar nur ein kleiner Partner, wenn es um Kindergärten oder Offene Ganztagsschulen geht. Dennoch gehören unsere vier Wattenscheider Kirchengemeinden zu unserem Profil.
Was wünschen Sie sich für den Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid?
Dass wir gemeinsam mutig auf die Herausforderungen der kommenden Jahre zugehen. Dass wir nach Lösungen suchen, die uns gemeinsam stärken. Dass wir nach Wegen suchen, im 21. Jahrhundert mit der Botschaft von Gottes Liebe den Menschen nahe zu bleiben. Dazu bedarf es Aufbrüche. Dazu bedarf es aber auch Bewährtes. Dazu bedarf es ein tiefes Vertrauen in Gottes Aufbrüche. Mein Glaube lebt von Ostern her, Gottes Aufstand gegen alle tödlichen Strukturen. Es wäre schön, wenn man dies in der Begegnung mit uns spürt – Aufbruch und Lebendigkeit.
*Rüdiger Höcker und seine Frau Eva haben zwei erwachsene Töchter.











