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Freiheit schafft Verantwortung

Die Christus-Kirchengemeinde berichtete im Abendgottesdienst von ihrer Arbeit für und mit Flüchtlingen

Von: Maximilian Wiescher | erstellt am: 03.05.2017

Musik verbindet: Das Ensemble „Chorlichter“ entstand in der Erler Flüchtlings-Anlaufstelle „Lichtung“. FOTO: MAXIMILIAN WIESCHER

GELSENKIRCHEN-ERLE – „Reformation, Migration und Integration gehören zusammen. Die Zeit der Reformation schuf die Grundlage für ein Zusammenleben verschiedener Religionen. Deshalb hat sie uns eine große Verantwortung und die Notwendigkeit von Toleranz und Integration hinterlassen.“ So begann Pfarrer Ernst-Udo Metz am ersten Sonntag nach Ostern den Abendgottesdienst zum Thema „Reformation und die Freiheit des Christenmenschen“, der von Mitarbeitern der Flüchtlingshilfe, Ehrenamtlern und Flüchtlingen gemeinsam gestaltet wurde. Seine Kollegin Dr. Elga Zachau stellte den Treffpunkt ihrer Flüchtlingsarbeit vor, den die Diakonie und die Gemeinde im ehemaligen Pfarrhaus eingerichtet haben: „Dort gibt es zum Beispiel das Begegnungscafé für Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer. Es trägt den Namen ‚Lichtung‘ – es soll Licht in eine undurchschaubare Zukunft bringen.“

Die „Chorlichter“, ein Chor aus Gemeindemitgliedern und Flüchtlingen, sangen im Wechsel mit der Gemeinde „Die Gedanken sind frei“. Anschließend folgte die Geschichte von dem Propheten Elia, der flüchten musste, nachdem er König Ahab für seine Zuwendung zu einem anderen Gott kritisiert hatte. Danach kamen die Flüchtlinge selbst zu Wort. Karam Alaboud berichtete erst auf deutsch, dann auf arabisch: „Als ich in Deutschland angekommen war, habe ich erkannt, wie wichtig es ist, Deutsch zu lernen, um mich zu orientieren. Aber ich habe vom Jobcenter keine Unterstützung für den Deutschkurs B2 bekommen.“ Metz ergänzte: „Es gibt in der Tat immer noch nicht ausreichend Möglichkeiten, in angemessener Zeit Deutsch zu lernen.“
Abdullah Tahhan lebt mit seiner Familie in Gelsenkirchen, seitdem sein Asylverfahren nach mehr als zehn Monaten abgeschlossen ist. „Ich habe immer gehofft, dass ich meine Familie nachholen kann. Ohne sie kann ich nicht leben. Deshalb danke ich dem Volk, allen Organisationen und der Diakonie. Ich hoffe, dass meine Kinder in Deutschland gut lernen können. Ich hoffe, dass ich hier Fuß fassen, eine Firma gründen und dem Land etwas zurückgeben kann.“ Passend zum letzten Lied ergänzte Metz hier: „Die Gedanken können nicht frei sein, wenn die Liebsten, die wir haben, nicht bei uns sind.“

Hoffnung auf „Wiedervereinigung“ der Familie

Adnan Abunammer konnte seine Familie noch nicht nachholen: „Ich kann nicht mehr allein leben. Ich habe sechs Kinder, von denen das letzte auf der Flucht in Griechenland geboren wurde. Meine ganze Familie ist noch da. Das nutzen Schleuser natürlich aus. Sie verlangen zum Teil 1200 Dollar nur für den Weg von einem Ort zum nächsten.“ Inzwischen wurden Dokumente ausgestellt, sodass Abunammer seine Frau und seine Kinder nach Deutschland holen könnte – nur für das in Griechenland geborene Kind gibt es noch keine Papiere, deshalb geht es noch nicht. Er hofft, dass die Stadt Gelsenkirchen ihm bald das Recht auf Familienzusammenführung bescheinigt.

Danach folgte ein Impuls von Ernst-Udo Metz: „Was lässt sich aus der Reformation wegweisend zur Aufgabe der Integration sagen? Man ist geneigt, Luthers Schrift ‚Von der Freiheit des Christenmenschen‘ politisch zu verstehen, so wie die Bauern sie 1525 zum Anlass für ihren großen Aufstand nahmen. Aber Luther meinte eher die innere Freiheit: Als Christ ist man frei von der Angst um sein Seelenheil und von der Angst, dass einen die eigenen Fehler ewig verfolgen, denn man kann sich Gottes Gnade gewiss sein. Diese Entängstigung setzt Energie für eine solidarische Verantwortungsgemeinschaft frei – nach dem Motto ‚Ich bin so frei, ich steh dir bei‘. Integration bedeutet in erster Linie nicht Eingliederung oder Anpassung, sondern Verantwortungsgemeinschaft. Die zweite Hauptthese aus Luthers Werk wird oft unterschlagen: Der Christenmensch ist nicht nur frei und niemandem untertan, sondern er ist gleichzeitig auch ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan.“

Die „Lichtung“ ist wie eine Familie

Die Ehrenamtlerin Sabine Lehmann berichtete von ihren Erfahrungen: „Flüchtlingen über den Weg gelaufen bin ich immer, aber wirklich kennen gelernt habe ich sie erst durch meine Arbeit in der ‚Lichtung‘. Beim Begegnungsfest war ich überwältigt von den vielen Dingen, die die syrischen Frauen in der Lichtungsküche zubereitet hatten. Sie konnten kein Deutsch und ich vielleicht zwei Wörter Arabisch, aber mit ein bisschen Englisch, einem kleinen Lächeln und einem klaren Blick ging es. Ich habe selten so viel Liebe und Zuneigung erlebt. Die ‚Lichtung‘ ist wie eine Familie – nicht nur für die Flüchtlinge selbst, auch für die Mitarbeiter.“ Anschließend sangen die „Chorlichter“ das Lied „A tuna al te fuli“ („Gib uns unsere Kindheit zurück“).

Die Mitarbeiterin Karina Auward al Hassan war selbst im Jahr 2000 im Alter von 16 aus Syrien geflüchtet. Heute kann sie von ihren Erfahrungen viel weitergeben: „Für Flüchtlinge ist die Benutzung einer EC-Karte genauso neu wie die Mülltrennung. Wir begleiten unsere neuen Mitbürger – zum Beispiel im Umgang mit Behörden. Gerade für Kinder ist es wichtig, dass die Erwachsenen ihnen Integration vorleben. Das Flüchtlingsbüro der Diakonie und unzählige Ehrenamtliche betreuen etwa 700 Flüchtlinge und geben ihnen die Selbstständigkeit für die weitere Integration mit. Ich kann nach 17 Jahren in Deutschland nachvollziehen, dass das kein kurzer Weg ist, aber auch kein Marathon.“

Für Elga Zachau ist die Geschichte von Elia, die übrigens auch im Koran steht, eine der stärksten Hoffnungsgeschichten der Bibel: „Der Glaube schenkt Gewissheit, dass auch in der größten Erschöpfung und Ausweglosigkeit unser Ruf zu Gott nicht ungehört bleibt. Möge uns dieses Bild stärken.“ Die letzte Geschichte des Tages war ein Erlebnis von Christina Regeniter, die sich grenzenlos darüber freute, dass sie im letzten Jahr von einer gläubigen muslimischen Frau ein Weihnachtsgeschenk bekam. „Sie meinte, es sollte etwas Selbstverständliches werden, dass eine muslimische Frau einer christlichen Frau etwas zu Weihnachten schenkt. Das ist wirklich ein Zeichen dafür, dass man ankommt, sich integriert, aufeinander zugeht, nach vorn schaut.“ Nach dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ – wieder gesungen von den „Chorlichtern“ und der Gemeinde – und dem Segen lud Ernst-Udo Metz zum anschließenden Treff im Gemeindehaus ein.

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